Die Jagd nach der Flasche

Frau beim Sammeln von Pfandflaschen

Quelle: Junge Welt

vom 26.05.2012

Die Tätigkeit ist anstrengend, die Konkurrenz groß. Immer mehr Menschen versuchen, ihr ­geringes Einkommen mit Pfandgut aufzubessern, das andere liegenlassen

Von Simon Loidl

Nennen wir ihn Ioan. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Jeden Tag geht der untersetzte, knapp 50 Jahre alte Mann seine Strecke am Ufer des Landwehrkanals in Berlin mehrere Male ab. Er ist auf der Suche nach leeren Pfandflaschen.

Die schönen Frühlingstage sorgen dafür, daß der Einkaufstrolley und die extragroße Einkaufstüte, die Ioan dabei hat, sich rasch füllen. Wenn die Sonne scheint, zieht es Hunderte, Tausende auf die Grünflächen und in die Parks der Hauptstadt.

Ioan hat keine Zeit, sich an den wärmenden Strahlen zu erfreuen. Je schöner das Wetter, desto mehr hat er zu tun. Bereits am Nachmittag türmt sich der Abfall neben den Mülleimern, dazwischen immer wieder kostbare Pfandflaschen. Viele werfen die Flaschen nicht ein, sondern stellen sie neben oder auf die Abfallbehälter. Ioan kennt diese alle, klappert sie ab. Dutzende. Immer wieder. Die Arbeit entlang des eingezäunten Ufers zwischen Prinzenstraße und Admiralsbrücke im Stadtteil Kreuzberg ist beschwerlich. Hin und wieder muß Ioan den schwerbeladenen Trolley über die Absperrung hieven, um zu den Flaschen zu gelangen, welche die Leute achtlos neben sich in die Wiese legen. Auch leere Flaschen können schwer sein, außerdem sind die Räder des Trolleys viel zu klein für einen Transport auf nicht-asphaltiertem Untergrund. Jedes Mal, wenn er sein Wägelchen über eine kleine Unebenheit zieht, kippt dieses beinahe um.

Eine Gruppe junger Leute sitzt am Ufer des Kanals am Boden, neben ihnen zahlreiche Flaschen. Ein kurzer Blick ­Ioans genügt, höchstens muß er fragend auf die Flaschen deuten. In der Regel gestattet ihm jeder, das Leergut einzusammeln, denn auch wenn manche Flaschen ganze 25 Cent wert sind, ist es den meisten doch zu mühsam, diese wieder mitzunehmen. Wer teure Drinks in der Kneipe gespart hat, kann schon mal auf ein paar Euro verzichten. Und irgendwie fühlt man sich auch noch gut dabei, jemandem seine Pfandflaschen zu überlassen. Beim Saufen anderen helfen und sich dabei auch noch die Schlepperei ersparen.

Der Einkaufstrolley ist überfüllt, der Plastiksack platzt schon fast, aber die paar Flaschen muß Ioan noch mitnehmen. Er bugsiert den klirrenden Wagen rund um die Feiernden, ein kleiner Erdhügel erschwert das Manöver. Der Trolley kippt um, es klirrt. Ioan wirft einen Blick in den Wagen, eine der Flaschen hat den Unfall nicht überstanden. Er richtet den Trolley wieder auf und geht weiter. Kurz vor der Admiralsbrücke hebt er seine Last über den Zaun. Dann stellt er Trolley und Sack neben einem Verkehrsschild ab und dreht eine Runde auf der Brücke. Die Ausbeute ist jedoch gering. Vor zehn Minuten war Konkurrenz da, ­Ioan findet nur zwei leere Flaschen. Zurück bei seinem Trolley, begutachtet er erst mal den Schaden. Vorsichtig zieht er die zerborstene Flasche zwischen den anderen hervor und trägt sie zu der Altglastonne, die von der Stadtreinigung eigens für die zahlreichen Freilufttrinker aufgestellt wurde, die sich hier bis zum nächsten Herbst täglich einfinden werden. Ioan hebt den Deckel der Tonne und blickt kurz hinein. Nichts zu holen. Er wirft die Scherben seiner Bierflasche hinein und kehrt zu seinem Wagen zurück.

»Keine Arbeit«, erklärt er fast entschuldigend den Grund für seine Tätigkeit. Er spricht nur gebrochen Deutsch. Aus Bulgarien sei er, schon seit einigen Jahren in Berlin, aber es ist schwierig. Stundenlang sammelt er jeden Tag, es schaut nur wenig dabei raus. Er deutet auf den prall gefüllten Trolley: »Zwei oder drei Euro, nicht viel.« Aber irgendwie muß er Essen, Trinken, Zigaretten ja bezahlen. »Was soll ich sonst machen?« Er scheint sich zu freuen, daß ihn jemand anspricht. Ein paar freundliche Worte, ein bißchen Plaudern erleichtern die anstrengendste Tätigkeit. Aber Ioan wirkt auch unruhig, er will offensichtlich nicht zu lange aufgehalten werden. Beim Flaschensammeln muß man flink sein, die Konkurrenz ist groß.

Tips aus dem Internet

Immer mehr Menschen versuchen, ihr kleines Einkommen mit der Jagd nach Pfandgut aufzubessern. Rentner, Hartz-IV-Bezieher – Hunderte sollen es Medien­berichten zufolge sein, die sich jeden Tag in Berlin auf die Suche nach dem wertvollen Glas machen, genaue Angaben dazu gibt es aber nicht. Im Internet findet man Tips fürs »dezente Flaschensammeln«. Dabei geht es nicht nur darum, aus Scham möglichst unauffällig unterwegs zu sein. Auch andere Sammler können für Neulinge zum Problem werden. So rät die Seite helpster.de: »Bevor Sie sammeln, sollten Sie zunächst die Gegend dahingehend prüfen, ob dort schon andere, vielleicht sich selbst als ›Besitzer der Sammelstelle‹ sehende Menschen unterwegs sind. Es könnte zu (tätlichen) Auseinandersetzungen kommen, wenn Sie dort auch sammeln.« Hat man dann seine eigenen Orte gefunden, gilt erneut das Konkurrenzprinzip als oberstes Gebot: »Merken Sie sich gute Sammelplätze und erzählen Sie niemandem davon!«

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