»Einem Konzern zum Fraß vorgeworfen«

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Quelle: junge Welt

Studie über Schulformwechsel: Bertelsmann Stiftung versteht »individuelle Förderung« nicht als Recht. Ein Gespräch mit Steffen Roski

Ralf Wurzbacher

Der Soziologe Steffen Roski ist Mitglied im Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) und Kritiker des Medien- und Dienstleistungskonzerns Bertelsmann

Im Schuljahr 2010 auf 2011 wurden bundesweit 50000 Kinder wegen schlechter Leistungen auf eine niedrigere Schulart geschickt, für nur 23000 ging es aufwärts. Das hat die Bertelsmann Stiftung mit ihrer am Dienstag vorgelegten Studie »Schulformwechsel in Deutschland« ermittelt und damit einen neuen Beleg für die Chancenungleichheit im deutschen Schulwesen geliefert. Sehen Sie das auch so?

Keine Frage, was die Studie offenbart, ist ein Skandal. Allerdings keiner, der nicht längst bekannt wäre. Daß das Schulsystem vor allem nach unten durchlässig ist und mehr Absteiger als Aufsteiger hervorbringt, ist für die Bildungsforschung ein alter Hut. So gesehen geht der Erkenntnisgewinn dieser Untersuchung gegen null.

Dennoch hat die Studie viel mediale Aufmerksamkeit erregt …

Genau das wollte die Bertelsmann Stiftung erreichen und noch viel mehr: Weil sie an gängige Argumentationsmuster der Bildungskritik anknüpft, ist ihr zunächst allgemeiner Beifall sicher. Das dient aber nur der Ablenkung. Denn tatsächlich greift sich diese Studie einen zentralen Begriff, nämlich den der »individuellen Förderung« und definiert ihn völlig neu, nämlich derart, daß er vermarktungsfähig wird.

Wie das?

Die Bertelsmann Stiftung ist eine Art Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Bertelsmann AG, eines der weltweit führenden Medien- und Dienstleistungskonzerne, der neuerdings verstärkt auf dem Bildungsmarkt operiert. Der wächst und gedeiht aber nur, wenn das öffentliche Bildungssystem kaputtgespart wird. In diese Richtung wirkt die Bertelsmann Stiftung. Sie hat mit ihrem Einfluß als Denkfabrik praktisch sämtliche neoliberalen Bildungs- und Hochschulreformen der vergangenen Jahre auf den Weg gebracht. Eine zentrale Strategie besteht dabei darin, Begriffe mit neuem Inhalt zu füllen.

Wie den der »individuellen Förderung«. Wie läßt der sich vermarkten?

Zum Beispiel durch Einsatz elektronisch gestützter Medien, etwa von Tablet-Computern, in Schulen, mit speziell aufbereiteter Lernsoftware oder mit E-Learning- oder Tele-Learning-Technologien. All diese Instrumente sollen den klassischen Pädagogen auf lange Sicht überflüssig machen, was auch die politischen Sachwalter der »leeren Kassen« erfreut. Kurz- und mittelfristig mischt die Bertelsmann-Stiftung aber auch in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften mit. In Nordrhein-Westfalen kooperiert sie bereits aufs engste mit der SPD-Grünen-Landesregierung in der Lehrerbildung – besonders im Bereich der individuellen Förderung. Da wundert es nicht, daß das Thema jetzt so an die große Glocke gehängt wird.

Die Stiftung mimt also nur den progressiven Kritiker, und alle fallen darauf rein?

Leider ja. Nehmen wir einen anderen Begriff, den der »Inklusion«, also die Beschulung von körperlich und geistig beeinträchtigten Kindern in Regelschulen. Auch das propagiert die Stiftung sehr lautstark, meint aber, die Umsetzung wäre ohne zusätzliches Personal an den Schulen zu bewerkstelligen. Inklusion mit Bordmitteln heißt nichts anderes als eine Sparmaßnahme durch die Hintertür. Es ist beschämend, daß selbst profilierte Bildungsexperten auf den scheinbar reformistischen Sprachgebrauch der Bertelsmänner hereinfallen und nicht durchschauen, wie das hohe Gut Bildung einem Konzern zum Fraß vorgeworfen wird.

Was sagen Sie dazu, daß selbst Rosemarie Hein, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, in einer Pressemitteilung anläßlich der Studie mit keiner Silbe auf das doppelte Spiel der Bertelsmänner eingegangen ist?

Das ist bedauerlich. Frau Hein hat schon mehrfach Studien der Bertelsmann Stiftung wohlwollend zitiert. Ich würde mir wünschen, daß gerade Politikerinnen und Politiker der Linken ein kritisches Augenmerk auf besagte Entwicklungen richten und sich nicht einspannen lassen in zivilgesellschaftliche Netzwerke, die die Bertelsmann Stiftung geschickt in alle Bereiche knüpft. Auf der Liste der Kooperationspartner der Stiftung finden sich leider auch Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Heinrich-Böll-Stiftung.

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