Syrien: “Der Bürgerkrieg ist keine Lösung”

Annette Groth, Inge Höger, Wolfgang Gehrcke, Louai Hussein, Sevim Dagdelen, Mouna Ghanem, Heike Hänsel und Tobias Pflüger (v.l.n.r.) trafen sich in Berlin und sprachen über die Lage in Syrien

Posted by heikehaensel under Fotos, Audio, Video, Positionen, Syrien
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„Ich war im Gefängnis, um für Freiheit, Demokratie und unsere Würde zu kämpfen. Es geht um mehr als nur einen Regime-Wechsel. Ich bin nicht dafür, die Macht von Baschar al-Assad wegzunehmen, damit andere Kräfte, vom Ausland unterstützt, sie an sich reißen, die sich nicht sehr von dem Regime selbst unterscheiden. Von Anfang an habe ich gewarnt, dass ein gewalttätiger, bewaffneter Widerstand nicht die richtige Antwort auf die Diktatur Assads ist. Und ich sage dies nicht, weil ich Pazifist bin. Sondern weil nur totale Zerstörung und Vernichtung die Folge sind. Der Bürgerkrieg ist keine Lösung.“ (Louay Hussein)

Die beiden syrischen Oppositionellen Louay Hussein, ehemals Mitglied der kommunistischen Partei Syriens und Präsident von „Building the Syrian State“, und Mouna Ghanem, Vize-Präsidentin derselben Organisation, Frauenaktivistin und langjährige stellvertretende Leiterin verschiedener Frauenprogramme der UNO in Jordanien und New York, sind zur Zeit auf Einladung der Fraktion DIE LINKE in Deutschland und suchen Unterstützung für ihren demokratischen, gewaltfreien Widerstand. Am 6. November trafen sich Abgeordnete der Fraktion mit ihnen in Berlin, um über die Lage in Syrien zu sprechen.

Eindringlich berichtet Louay Hussein darüber, wie aus dem jahrelangen friedlichen Widerstand gegen das Regime, welches auch ihn sieben Jahre inhaftiert hatte, ein Bürgerkrieg geworden ist. Die massive Einmischung durch die USA Russland, China, aber auch die EU, und aus der Region durch Saudi Arabien, Qatar, Türkei und Iran, hätten zu einer immer weiteren Eskalation des Konflikts geführt. „Alle Werte, für die wir zu Beginn auf die Straße gegangen sind, sind so fern, dass wir nun zuallererst ein Ende der Gewalt fordern. Wir brauchen sofort einen Waffenstillstand.“ Mittlerweile zersplittern sich die bewaffneten Gruppen immer mehr und es sei völlig unübersichtlich, wer, welche Ziele verfolge. Syrien sei nun das offenste Land für die Geheimdienste dieser Welt.

Angesichts der Medienberichte hierzulande und den Statements der Bundesregierung, die zumeist einhellig in den Ruf nach Regime-Wechsel einstimmen und die Rebellen unterstützen, mutet Louay Husseins Sichtweise überraschend anders an. Scharf verurteilt Hussein das von den Medien vereinfachte Bild der Lage in Syrien, wonach das syrische Regime verhaftet, foltert und verfolgt, während die bewaffneten Rebellen sich dagegen auflehnten. Dies sei in der Vergangenheit die Wahrheit gewesen, daher richte sich auch seine Hauptkritik gegen die Gewalt und Unterdrückung der syrischen Regierung. Mittlerweile habe sich das Bild aber leider drastisch geändert: „Auch bewaffnete Rebellen sind für zahlreiche Verbrechen verantwortlich. Es gibt nicht mehr einen Mörder sondern viele, die syrische Gesellschaft zerfällt in furchterregender Weise. Ich will nicht, dass mein ganzes Land von Mördern oder Gemordeten bevölkert wird.“

Was würde nach Assad kommen? Wie gehen wir mit den vielen Kräften um, die Assad noch immer nahe stehen? Louay Hussein wird von anderen Intellektuellen im Exil als Verräter dargestellt, aber er beharrt darauf, in seinem Land bleiben zu wollen und für Veränderungen zu kämpfen. Demokratie kann nicht von außen kommen. Er fordert ein Ende aller Waffenlieferungen in die Region. „An jeder Ecke sind Waffen erhältlich in Syrien, aber wir haben kaum mehr Lebensmittel, Strom, Medikamente.“ Dazu tragen auch die internationalen Sanktionen bei, die die EU nochmals verschärft hat, die Louay ablehnt, da sie nicht das Regime, sondern die Bevölkerung treffen.

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