Wie Papageien-Journalismus funktioniert und wie das IAB seine eigenen Studien zu politischen Propagandazwecken missbraucht

Bild: Wikipedia

Quelle: NachDenkSeiten

„Alterung der Bevölkerung hat sich kaum auf die Arbeitslosigkeit ausgewirkt“ lautet die Überschrift einer jüngst veröffentlichten Studie aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) [PDF – 944 KB]. Das eigentlich neue und interessante Ergebnis der Studie ist, dass die Alterung der erwerbsfähigen Bevölkerung auch in Zukunft „nur einen geringen Effekt auf die gesamte Arbeitslosenquote haben“ dürfte.

Dieser Befund widerspricht nämlich fundamental der von der Politik ständig ausgegebenen und von den Medien nachgeplapperten Behauptung, die demografische Entwicklung und dabei vor allem die Alterung der Bevölkerung werde die Arbeitslosenzahlen deutlich sinken lassen. „Alterung der Bevölkerung wirkt sich kaum auf die Arbeitslosigkeit aus“ hätten also die Schlagzeilen aufgrund dieser Studie lauten müssen, doch die allermeisten Medien fallen auf die politisch motivierte, schönfärberische Pressemitteilung des IAB herein und machen daraus eine Jubelmeldung über die Verdoppelung der Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer. Man müsste also sogar von Papagei-Papageien-Journalismus sprechen. Von Wolfgang Lieb.

Die demografische Entwicklung und die Alterung der Bevölkerung der Bevölkerung würden die Arbeitslosenzahlen deutlich senken, Vollbeschäftigung sei in Sicht, ja sogar ein Mangel an Arbeitskräften drohe. So hören und lesen wir allenthalben.

Dagegen heißt es im Fazit der IAB-Studie:

„Schon in den letzten beiden Dekaden hat es einen ausgeprägten demografischen Wandel gegeben, der mit Veränderungen im Erwerbsverhalten einherging. Ausgehend von der Bevölkerungsentwicklung im vereinten Deutschland von 1991 bis 2010 wurde dargestellt, dass die erwerbsfähige Bevölkerung (15- bis 64-Jährige) um 1,18 Mio. Personen zurückgegangen ist, während die Zahl der Erwerbspersonen um 1,86 Mio. gestiegen ist. Gleichzeitig hat sich die Altersstruktur der Erwerbspersonen drastisch verschoben:

Der Anteil der unter 40-Jährigen sank von 56,5 auf 42,1 Prozent, während es bei den über 39-Jährigen einen entsprechend starken Zuwachs gab.

Diese Veränderung der Altersstruktur hat zu einer günstigen Arbeitsmarktentwicklung beigetragen, allerdings schlug dies quantitativ kaum zu Buche.

Unsere Berechnungen zeigen: Hätte sich die Altersstruktur der Erwerbspersonen gegenüber 1991 nicht verändert, wäre unter sonst gleichen Bedingungen die Arbeitslosenquote des Jahres 2010 mit rund 0,19 Prozentpunkten nur marginal höher gewesen.

Positive Impulse für den Arbeitsmarkt gingen auch von der Veränderung der Erwerbsbeteiligung aus, die mit 0,07 Prozentpunkten aber noch geringer ausfielen.
Auch in Zukunft ist davon auszugehen, dass der Altersstruktureffekt quantitativ kaum Bedeutung für die Arbeitsmarktentwicklung haben dürfte. So ergibt sich nach unseren Berechnungen aufgrund dieses Effekts bis 2030 ein Rückgang der Arbeitslosenquote um lediglich 0,14 Prozentpunkte.

Allerdings ist zu bedenken, dass demografische und partizipationsbezogene Entwicklungen durchaus auch einen Einfluss auf die Arbeitsnachfrageseite und damit eventuell auf die altersspezifischen Arbeitslosenquoten haben können. Wir konnten in weiteren Analysen zeigen, dass – unter Berücksichtigung der Reaktion der altersspezifischen Arbeitslosenquoten auf die demografische Entwicklung – der Rückgang der Arbeitslosenquote insgesamt deutlicher ausfällt. Trotz dieser Ergebnisse sollte nicht automatisch darauf geschlossen werden, dass der demografische Wandel die Unterbeschäftigung beseitigt.

Der Eintritt geburtenschwacher Jahrgänge in den Arbeitsmarkt kann, muss aber nicht zwangsläufig zu der dargestellten generellen Verbesserung der Arbeitsmarktlage führen. Letzteres hängt auch von der Funktionsweise des Arbeitsmarktes ab und von der Passung zwischen Arbeitsangebot und –nachfrage in der Zukunft. Hier spielen insbesondere Qualifikationsanforderungen der Betriebe und Qualifikationsprofile der Erwerbspersonen eine tragende Rolle.“

Die Schlagzeilen hätten also lauten müssen: „Alterung der Bevölkerung wirkt sich kaum auf die Arbeitslosigkeit aus“ oder vielleicht „Demografische Entwicklung hat nur wenig Auswirkungen auf die Arbeitsmarktentwicklung“.

Solche Botschaften passen natürlich überhaupt nicht in die Propagandafloskeln der letzten Jahre, wonach die Alterung der Bevölkerung schon bald zu Knappheiten beim Arbeitskräfteangebot führen werde und deswegen die Rente mit 67 eingeführt werden müsse oder dass die demografische Entwicklung sozusagen automatisch zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit, ja sogar zur Vollbeschäftigung führe oder dass sich mit der Alterung die Berufschancen Jüngerer verbesserten.

Sie haben solche Behauptungen sicherlich schon bis zum Überdruss gehört.

Die von dieser politisch gesteuerten Lesart abweichenden Ergebnisse der Studie schienen der Leitung des IAB aber offenbar nicht ins politische Konzept zu passen. Dazu muss man wissen, dass dieses Forschungsinstitut eine Abteilung der Bundesagentur für Arbeit ist und diese Agentur wiederum ein Anhängsel des Bundesarbeitsministeriums ist. So ist es auch nicht erstaunlich, dass die Öffentlichkeitsarbeiter des IAB eine völlig andere Schlagzeile suchten und gefunden haben:

„Erwerbsquote der Über-60-Jährigen hat sich mehr als verdoppelt“, so lautet die Überschrift der Pressemeldung des IAB.

Weiter heißt es:

„In den letzten 20 Jahren hat sich die Erwerbsquote der 60- bis 64-Jährigen mehr als verdoppelt, berichtet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Während sie im Jahr 1991 noch bei 20,8 Prozent lag, stieg sie bis zum Jahr 2010 auf 44,2 Prozent. Entscheidend dazu beigetragen hat die höhere Erwerbstätigkeit von Frauen.“

Und natürlich durfte nicht fehlen, dass die Politik der Bundesregierung z.B. mit der Abschaffung der Vorruhestandsregelungen lobend erwähnt wird:

„Auch die Verbesserungen im Gesundheitszustand der Älteren sowie die veränderten politischen Rahmenbedingungen bei der Frühverrentung und den Vorruhestandsregelungen begünstigten den Anstieg der Erwerbsbeteiligung bei den Älteren, so das IAB.“

Der gängige demografische Katastrophismus durfte in der Mitteilung für die Presse selbstverständlich auch nicht fehlen:

„Langfristig könne aber auch ein weiterer Anstieg der Erwerbsquoten der Frauen und der Älteren den demografischen Wandel nicht mehr ausgleichen, betonen die Arbeitsmarktforscher. Die Zahl der sogenannten Erwerbspersonen, also die Summe aus Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden, werde auf jeden Fall sinken. Bei realistischen Annahmen zur Entwicklung der Erwerbsbeteiligung und zur Zuwanderung werde der Rückgang bis 2025 gut drei Millionen und bis 2050 sogar rund zehn Millionen betragen, erklärt das IAB.“

Diese „Öffentlichkeitsarbeit“ – oder man sollte besser sagen, die Manipulation der veröffentlichten Meinung – hat prompt funktioniert. Der Verlautbarungsjournalismus apportierte, die „Papagei-Papageien“ – wie Kurt Tucholsky sie schon nannte – plapperten nach. Sie können es über die Suchmaschinen selbst überprüfen:

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