HUNDERTFÜNFZIG

Quelle: Jo Bauers Flaneursalon

Manche Dinge kommen mit dem Novemberwind. Es war am 21. November 2011, als die Stuttgarter Bürgerbewegung ihre 100. Montagsdemo feierte, auch wenn es nicht viel zu feiern gab. Heute, am 26. November 2012, geht vor dem zerstörten Hauptbahnhof die 150. Montagsdemo über die Bühne, einen Tag bevor sich erstmals die Volksabstimmung über Stuttgart 21 jährt.

Als sich im Herbst 2011 eine Wählermehrheit dafür aussprach, das Milliardenmonster S 21 mit Steuern zu finanzieren, dachten viele (Befürworter wie Gegner), der große Stuttgarter Bürgerprotest habe sich erledigt. Teile der Bevölkerung, womöglich schlecht informiert oder auf die Propaganda von Wirtschaft und Bahn hereingefallen, waren überzeugt, nach der Abstimmung kehre die Stadt zur Tagesordnung zurück. Zur altbewährten Ordnung des Schweigens, Kuschens, Wegschauens. Es schien sogar die Meinung zu kursieren, nach der Volksabstimmung sei S 21 so gut wie fertig gebaut, den Rest erledigten geräuschlos Heinzelmännchen mit Bio-Buttons auf der Brust.

Bereits vor der Volksabstimmung hatte ja das Volk sensationell die mehr als ein halbes Jahrhundert alte CDU-Seilschaft abgestraft, im guten Glauben, die neue Macht aus neu erstarkten Grünen und historisch gefledderten Roten würde die Sache im Sinne der Demokraten richten. Wozu noch eine Montagsdemo, wo doch Demonstranten in der Regierung saßen und den Leuten „Bürgerbeteiligung“ und „Nachhaltigkeit“ predigten (ohne zu merken, wie ihre läppischen Zeitgeist-Vokabeln längst auch von den übelsten Energiekonzernen ad absurdum geführt wurden).

Der Stuttgarter Protest, die Antwort zigtausend selbstbewusster Bürger auf die Respektlosigkeit, auf die Würdelosigkeit realitätsfremder Machtpolitiker, blieb den Medien ein Rätsel. Journalisten in Berlin und Hamburg, mit den Politfloskeln aus ihren „Lösungspaketen“ überfordert, verspotteten die Widerständler als „Methusalem-Rentner“ („Stern“) und „Wutbürger“ („Spiegel“). Dahinter steckte die Arroganz geschäftstüchtiger Populisten, die unterschiedlichen Akteure eines Aktionsensembles in eine Schublade zu stecken, sie zu vermarkten. Unsereins ist nicht an allen 150 Montagen gegen den Wind marschiert, die Zahl meiner Schuhmacher-Besuche lässt jedoch einige Protestkilometer vermuten. Ich habe gelernt, dass sich bei Demos von intellektuellen Gesellschaftsanalytikern über coole Kapuzentypen bis zu den Beschwörern von Park-Erdmännchen alles Denkbare findet. Und als ich einmal als Tourist in die New Yorker Occupy-Menge geriet, schaute ich mich suchend um, wo wohl der Stuttgarter Rebell Peter Grohmann mit seinem „Bürgerbrief“ und seiner Spendenbüchse bliebe. War er im Knast?

Man gewöhnt sich an seine Pappenheimer. Die Menschenmischung bei Demos ist vielfältiger als in einem Fanblock beim Fußball. Das will was heißen. Ich habe auf der Straße Leute kennengelernt, die ich nie im Leben getroffen hätte. Bei einigen wäre es schade gewesen, bei anderen besser. Neulich schrieb mir ein S-21-Befürworter und Merkel-Verehrer, am Protest gegen Stuttgart 21 beteilige sich doch nur ein halbes Prozent der Bevölkerung. Er meinte die Zahl der Demonstranten, im Irrglauben, es seien immer dieselben.

Zahlenspiele interessieren mich schon lange nicht mehr, es ist mir wurscht, mit wessen Zockerwürfeln die Polizei Größenordnungen errechnet. Zornig macht die Ignoranz gegenüber der fantasievollen, erstaunlich kompetenten und informativen Arbeit des Protests. Zum deutschen Alltag gehört die Herrenmenschensprache einer FDP-Charge, die Demonstranten im Regen als „alte gefrustete Weiber mit ungepflegten Haaren“ und „nach altem Schweiß stinkende Männer“ diffamiert.

Nach der zu erwartenden Anpassung der neuen Landesregierung an die herrschende Profitmaximierungspolitik ist die Straße heute ein wichtiges demokratisches Forum der Opposition. Auf der Protestbühne wird verständlich gesprochen, in einer Sprache, die einem Politik nahebringt, wenn man das Parlamentarier-Geschwätz von „Glaubwürdigkeitsdefiziten“, „Wachstumsbeschleunigung“ und „Politikverdrossenheit“ nicht mehr hören kann. Die Montagsdemo ist ein Marktplatz für schwer erhältliche Informationen. Wer neulich das Bahn-Gutachten über die ska­dalösen Brandschutz-Versäumnisse für neu hielt, hatte nie eine Montagsdemo besucht. Ingenieure und Feuerwehrleute weisen dort seit Jahr und Tag auf den lebensgefährlichen Planungsmurks hin.

Die Straße als politische S-21-Bühne öffnet die Augen für Zusammenhänge. Inzwischen spielen Themen wie die Banken-Machenschaften, die kriminellen Auswüchse auf dem Immobilienmarkt, die Finanzdesaster in Europa eine Rolle. Der Protest hat viele Leute politisiert und sensibilisiert. Man wird wachsam, beschäftigt sich automatisch mit anderen Themen, demonstriert gegen die sich ausbreitende Brut der Neonazis. Wer am Bürgerprotest teilnimmt, ist gut vernetzt, und das gilt nicht nur für Leute, die das Demonstrantenvolk zu ihrer Ersatzfamilie erkoren haben.

Die Straße ist kein Event-Spielplatz, wie mancher anfangs dachte. Die Straße ist nicht nur für die Protest-Organisatoren steinig. Wer Montagsdemos mit ähnlichem Pflichtgefühl, mit ähnlicher Leidenschaft besucht wie ein Fußballfan die Spiele seines Teams, muss mit Enttäuschungen und Niederlagen leben. Es gab Tage, da habe ich schlechte und selbstverliebte Redner mehr verflucht als den Novemberregen. Noch öfter habe ich Musikanten gehasst, die einen mit ihrem Mundart-Geplärr beinahe in den bewaffneten Widerstand gegen den schlechten Geschmack getrieben hätten.

Diese Dinge gehören zum Spiel wie Justiz und Polizei, und man lernt: Protest ohne Humor ist auf Dauer so wenig erfolgreich wie die Absicht, allein mit Wahlen Verhältnisse zu ändern. Humor hat viele Gesichter, dazu gehören auf Demos die verbalen Feinheiten der TV-Kabarettistin Christine Prayon ebenso wie die demagogischen Salven des Theaterregisseurs Volker Lösch. „Ergebnisorientiert“ und „zielführend“ labern Marketing-Blender daher. Der Aufbegehrende braucht Sisyphus-Ausdauer.

Er hat sie. Dem Protestler, von den Zukunftsspekulanten als „Ewiggestriger“ verhöhnt, flüstert der Novemberwind auch auf der Hundertfünfzigsten die Botschaft von Jack Kerouac ins Ohr: „Nichts hinter mir, alles vor mir, wie es auf der Straße immer ist.“

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