Englische Hochschulpolitik: Erkenntnisgewinn wird stark überschätzt

Quelle: FAZ

Der Hochschulkonflikt in England dauert an und bleibt ein Drama, das man nicht aus den Augen verlieren darf. Am 13. November brachte er eine neue Institution hervor, den als gemeinnützige Gesellschaft eingetragenen „Rat für die Verteidigung der Britischen Universitäten“. Dieser Zusammenschluss äußerst angesehener Repräsentanten von Bildung und Wissenschaft, der sich selbst strikte Unabhängigkeit von parteipolitischen Ausrichtungen verordnet hat, will den Widerstand gegen den fortdauernden Prozess der Unterwerfung der Universitäten unter das Diktat kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen und überbordender bürokratischer Kontrollen anregen und koordinieren.

Wenn auch der Umbruch der Hochschulpolitik in England besonders krass erscheint, kann er doch nur als besonders radikaler Ausdruck einer überall fühlbaren anhaltenden und machtvollen Tendenz gelten. Als Schrift an der Wand für die anderen erweist sich hier das Schicksal des Vorreiters Kalifornien. Hier führten drastische Einsparungen bei den öffentlichen Hochschulen und das Unvermögen des privaten Hochschulsektors zu einem fühlbaren Rückgang des Bildungsstandes. Nach einem Bericht des „Economist“ vom August gehen Bildungsforscher inzwischen davon aus, dass zum ersten Male in der neueren Geschichte dieses wichtigen amerikanischen Bundesstaates nicht die junge Generation den besten Bildungsstand hat, sondern die dem Pensionsalter entgegenreifende. Für die Heimat von Silicon Valley eine Hiobsbotschaft und eine Warnung für alle, die in einem Mix aus schrumpfenden öffentlichen und expandierenden privaten Hochschulen die Zukunft sehen.

Vergleicht man das Manifest des Rates mit dem Weißbuch der Regierung, das die hohen Studiengebühren begründete, findet man sofort die tiefen Gräben, die sich hier auftun. Der Rat folgt eben nicht der Forderung der Regierung, dass die Universitäten künftig außer dem Staat auch ihren Studenten gegenüber rechenschaftspflichtig sein sollen, sondern fordert mehr Hochschulautonomie. Er kritisiert die kurzschlüssige Verengung der Bildungsziele auf kurzfristige Interessen der Wirtschaft. Sein Gründungsmitglied, der Nestor der britischen Geschichtswissenschaft, Sir Keith Thomas (Oxford), kritisiert daher auch die Zugehörigkeit des Geschäftsbereichs von Minister Willetts zum Wirtschaftsministerium.

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