Fataler Reichtum – Zu viel Geld in falschen Händen

Le Monde diplomatique

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Quelle: Le Monde diplomatique

Während der deutsche Handelsüberschuss alle anderen noch ärmer macht, hat sich in Griechenland die Selbstmordrate inzwischen verdreifacht.     von Nicola Liebert

Von den Empörten in Spanien bis zur weltweiten Occupy-Wall-Street-Bewegung gehen allerorten Menschen auf die Straße, um sich gegen die Zumutungen des Finanzkapitalismus zu wehren: Zum einen gegen die Arbeits- und Perspektivlosigkeit der vielen, zum anderen gegen den Reichtum und die Macht der wenigen.

Vor allem ein Thema treibt die Menschen um – und das ist nicht die Staatsverschuldung, die so viele Politiker als Wurzel allen Übels darstellen, sondern etwas viel Fundamentaleres: die Verteilungsfrage.1

Diese Frage ist nicht nur in moralischer, sondern auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht aktueller denn je. Beginnen wir bei der Eurokrise, um zu begründen, warum das so ist. Anders als uns die Politiker – vor allem in Deutschland – glauben machen wollen, sind die hohen Schulden ja nicht auf eine typisch südeuropäische Faulheit und Verschwendungssucht zurückzuführen. Die ebenso hoch verschuldeten Länder USA, Irland oder Japan widerlegen diese Behauptung.

Die Überschuldung ist in fast allen Krisenländern eine Folge der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise. Diese begann bekanntlich als Immobilienkrise in den USA, aber auch in Irland und Spanien,(2) und mutierte schnell zur Bankenkrise. Um die einzudämmen, sprangen die Staaten mit gigantischen Rettungsaktionen ein, ergänzt durch Konjunkturprogramme wie etwa die Abwrackprämie. Und all das finanzierten sie, wie auch sonst, auf Pump.

Was der griechischen Wirtschaft das Rückgrat brach

Die eigentliche Frage ist daher die nach den Ursachen der Finanzkrise. Natürlich gibt hier nicht die eine, allumfassende Erklärung. Zu den Faktoren, die zum Entstehen der Krise beitrugen, gehören beispielsweise die Deregulierung der Finanzmärkte und die dadurch ermöglichten hochriskanten „Finanzinnovationen“; die globalen und innereuropäischen Handels- und Wettbewerbsungleichgewichte, die etwa der griechischen Wirtschaft das Rückgrat brachen; und auch die künstlich niedrigen Zinsen – in den USA zur Bekämpfung der Rezession nach dem Crash der New Economy und in Südeuropa als Folge der Euro-Einführung -, die in zahlreichen Ländern zu einer Immobilienblase führten.

Diese verknappte Darstellung vermag jedoch nicht zu erklären, wo die gewaltige Macht der Finanzmärkte herrührt. Konkret: warum zum Beispiel auf die kostspieligen Bankenrettungen unmittelbar nach Ausbruch der Finanzkrise in der sich anschließenden Eurokrise gleich wieder ein Bankenrettungsschirm aufgespannt werden musste – natürlich auf Kosten der Steuerzahler.

Auch dafür gibt es mehrere Gründe. Da ist zum einen die erpresserische Macht der riesigen Bankkonzerne, die zu groß geworden sind, als dass man sie im Krisenfall sich selbst überlassen könnte („too big to fail“). Da sind zum andern der Konkurrenzdruck der Globalisierung und das damit einhergehende Fallen der Profitraten. Dies führte dazu, dass die Renditen der Realwirtschaft als nicht mehr ausreichend erschienen und der globale Kapitalismus ein neues, profitträchtiges Anlagefeld entwickeln musste: eben die Finanzmärkte.

Zu viel Geld in falschen Händen

Die Krise hat also sehr vielfältige Ursachen, und es wäre eine unzulässige Vereinfachung, sie allein auf die Verteilungsfrage zurückzuführen. Dennoch gilt: Die Finanzmärkte hätten längst nicht die Macht, die sie haben, wenn sie nicht so viel Geld bewegen könnten – mehr als 200 Billionen US-Dollar, das Dreifache des Weltsozialprodukts.3 Und für diese globale Geldschwemme gibt es einen klar zu identifizierenden Grund: die zunehmende Konzentration von Einkommen und Reichtum in den Händen weniger.

Wenn das Volkseinkommen breit gestreut wird, das heißt als Lohn oder staatliche Transferleistung bei der gesamten Bevölkerung ankommt, dann wird ein großer Teil davon für den täglichen Bedarf gleich wieder ausgegeben. Das erhöht die Nachfrage und kurbelt die Realwirtschaft an. Wenn aber ein immer größerer Teil auf die Konten derjenigen fließt, die ohnehin mehr haben, als sie jemals ausgeben können, dann wird dieses Geld auf den Finanzmärkten angelegt.

Und zwar mit dem einzigen Ziel, sich scheinbar aus sich selbst heraus zu vermehren. Parallel dazu wachsen – ebenfalls scheinbar aus sich selbst heraus – die Finanzmärkte mit dem Effekt, dass die Realwirtschaft, sprich die Produktion von Gütern und allen möglichen nichtfinanziellen Dienstleistungen, zum bloßen Anhängsel verkümmert. Jedenfalls aus Sicht der Investoren.

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