Deutsche Gewerkschaften – Wenn unser starker Arm nicht will

14 November 2012Quelle: WOZ

Die Gewerkschaften hätten mehr Einfluss, wenn sie an einem Strang ziehen würden. Doch nicht mal in Deutschland praktizieren sie die Solidarität, die sie täglich proklamieren. Warum?

Das Schweigen war ohrenbetäubend. Als am 14. November die Gewerkschaften von Spanien und Portugal zu einem Generalstreik aufriefen, Beschäftigte in Griechenland und Italien die Arbeit niederlegten und in Belgien keine Züge verkehrten, hörte man von den deutschen Gewerkschaften fast nichts. Keine Streiks, keine Aktionen, höchs­tens die eine oder andere dürre Sympathiebekundung. Die Industriegewerkschaft Metall veröffentlichte nicht einmal den Streikaufruf des Europäischen Gewerkschaftsbunds.
Im internationalen Bereich sind es vor allem Standortorientierung und die Konzentration auf die «eigenen» ­Arbeitsplätze, die grenzüberschreitende Soli­darität verhindern. Doch auch innerhalb Deutschlands gibt es eher ein Gegen- als ein Miteinander. Das führt zu einer eklatanten politischen Schwäche, wie das Verhältnis der zwei grössten Einzelgewerkschaften – der IG Metall und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) – zeigt. Die beiden Organisationen geben in der Gewerkschaftsbewegung (vgl. «Weniger Organisierte» im Anschluss an diesen Text) den Ton an, sind sich aber wenig zugetan.

«Kurswechsel für ein gutes Leben»

Dabei hat es die grosse IG Metall gar nicht ­nötig, Verdi so zu belächeln, wie sie das oft tut. Der Industriegewerkschaft mit dem Vorsitzenden Berthold Huber an der Spitze geht es blendend. Seit einem Jahr sinken die Mitgliederzahlen nicht mehr, sie steigen. Die Kassen sind gut gefüllt, auch weil die IG Metall seit Jahren nicht mehr streikt. In ihrer Streik­kasse müssten sich wenigstens zwei, drei Milliarden Euro befinden.

Da sie zudem seit einiger Zeit gute Tarifabschlüsse und höhere Löhne durchsetzen konnte, steigt das Beitragsaufkommen. Wenn das so weitergeht, ist die IG Metall bald eine prosperierende Bank mit angeschlossener Gewerkschaft. Auch die Wertschätzung bei den politischen Eliten nimmt zu: Im Kanzleramt geht die IG Metall seit Jahren so selbstverständlich ein und aus, dass sie das selbst eigentlich äusserst misstrauisch machen müsste.

Die IG Metall hat sich viel vorgenommen: «Kurswechsel für ein gutes Leben» lautet – in der Sprache der KampagnenstrategInnen – seit einiger Zeit ihr Hauptclaim. Den Slogan kann man so sehen: Er ist ehrgeizig, und Ehrgeiz kann nie schaden. Man kann ihn aber auch als Ausdruck einer Entrücktheit deuten: In Anbetracht eines ständig wachsenden Niedriglohnsektors und anderer Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt mutet er an, als stamme er aus einer anderen (Arbeits-)Welt.

Gewiss, es gibt manchmal auch andere Zeichen. Vor einer Woche präsentierte sich die IG Metall an einem internationalen Kongress in Berlin. Da debattierten 800 TeilnehmerInnen mit den Starökonomen Nouriel Roubini und James Galbraith und dem ehemaligen brasilianischen Präsidenten Lula da Silva, wie die deutsche und europäische ­Gesellschaft auf einen «sozialen, ökologischen und demokratischen Entwicklungspfad» geführt und wie dem «marktradikalen, finanzmarktgetriebenen Kapitalismus», so der Zweite IG-Metall-Vorsitzende, Detlef ­Wetzel, der Garaus gemacht werden könne.

Ganz anders Verdi. Der Dienstleistungs­gewerkschaft geht es schlecht. Die Mitgliederzahlen sinken seit Jahren, es fehlt an Geld, die Organisationsstruktur ist ineffizient. Von den Führungspersonen der Gewerkschaft, soweit vorhanden, ist der Öffentlichkeit nur eine bekannt: Frank Bsirske. Der Verdi-Chef gilt in Deutschland als der letzte linke Gewerkschaftsvorsitzende und ist daher – im Gegensatz zu Huber – auch kein Dauergast im Kanzleramt.     weiterlesen…

Weniger Organisierte

In Deutschland gibt es gegenwärtig rund 39 Millionen Erwerbstätige, aber nur 6,2 Millionen sind in den acht Einzelgewerkschaften des Dachverbands Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert. Innerhalb des DGB haben drei Gewerkschaften das Sagen: die IG Metall mit ihren 2,2 Millio­nen Mitgliedern (davon über achtzig Prozent männlich). Die Dienstleistungs­gewerk­schaft Verdi (unter anderem öffent­licher Dienst, Handel, Banken, Medien) mit etwa 2,1 Millionen Mitgliedern (davon über fünfzig Prozent weiblich). Und die IG Bergbau, Chemie, Energie mit rund 670 000 Mitgliedern (wiederum zu über achtzig Prozent männlich). Der Organisationsgrad betrug 1980 etwa 34 Prozent; inzwischen liegt er bei 20 Prozent.

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