„Nie gab es mehr Erwerbstätige“ – Propaganda mit Zahlen

130104_leiharbeit_deutschland_smallSo viele Erwerbstätige wie noch nie“, „Nie gab es mehr Erwerbstätige“. So oder so ähnlich lauteten die Schlagzeilen.
Im Jahr 2012 waren durchschnittlich rund 41,5 Millionen Personen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig, das waren 416 000 Personen oder 1,0 % mehr als ein Jahr zuvor. Nach ersten vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) erreichte die Zahl der Erwerbstätigen damit im sechsten Jahr in Folge einen neuen Höchststand. Seit 2005 ist die Zahl der Erwerbstätigen um insgesamt 2,66 Millionen Personen (+ 6,8 %) gestiegen, so meldete gestern das Statistische Bundesamt.

Unser Leser G.K. analysiert diese Erfolgsmeldung. Das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe e.V. (BIAJ) hat darüber hinaus noch eine von den Medien weit verbreitete Falschmeldung entdeckt.

Das organisatorisch dem Bundesinnenministerium unterstellte Statistische Bundesamt scheint sich bei der Auswahl des Betrachtungszeitraumes von propagandistischen Motiven leiten zu lassen. Denn das von ihm gewählte Vergleichsjahr 2005 entspricht “zufällig” jenem Jahr, welches sowohl die höchste offiziell ausgewiesene Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung als auch einen sehr niedrigen Beschäftigungsstand aufwies. Der Verweis auf das Vergleichsjahr 2005 kann wohl nur dem durchsichtigen Ziel dienen, die nach der Jahrtausendwende durchgeführten “Arbeitsmarktreformen” gegenüber der Bevölkerung als “Erfolg” darzustellen.

Das Statistische Bundesamt vermeidet allerdings Aussagen zur Entwicklung der Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung. Auf Basis einer Prognose des der Bundesagentur für Arbeit zugeordneten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vom März 2012 [PDF – 639 KB] (diese wies eine Gesamtbeschäftigung 2012 in Höhe von 41,6 Mio aus; der nun vom Statistischen Bundesamt gemeldete Wert beläuft sich auf 41,55 Mio.) entwickelten sich die Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung (inkl. Minijobs) der Arbeitnehmer im Zeitraum 2005 bis 2012 wie folgt:

  • Vollzeitbeschäftigung: + 983 Tsd. bzw. +4,2 Prozent
  • Teilzeitbeschäftigung: +1.430 Tsd. bzw. +12,7 Prozent.

Die zumeist schlecht bezahlten Teilzeit- und Minijobs legten sowohl absolut als auch prozentual deutlich stärker zu als die Vollzeitstellen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass der Anstieg der Vollzeitstellen zu einem erheblichen Teil auf schlecht bezahlte Leiharbeitsjobs zurückzuführen ist.

Zugleich ist der Anteil der Arbeitnehmer, die zumeist aus finanziellen Gründen (Stichworte: Prekarisierung der Arbeit / miserable Reallohnentwicklung in Deutschland) zusätzlich in einem Nebenjob arbeiten (müssen), seit 2005 um 891 Tsd. bzw. um 43,2 Prozent angestiegen (diese Nebenjobs sind in den obigen Daten zur Voll- und Teilzeitbeschäftigung bereits mit enthalten).

Die ab der Jahrtausendwende bis zum Jahre 2005 anhaltende miserable Entwicklung des hiesigen Bruttoinlandsprodukts sowie der Arbeitslosen- und Beschäftigungsdaten waren das Resultat der durch Reallohnsenkung und Sozialabbau bewusst herbeigeführten Schwächung des deutschen Binnenmarktes zwecks Steigerung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft gegenüber dem Ausland. Ab dem Jahre 2006 überwogen die Effekte aus der massiven Steigerung des Außenhandelsüberschusses (Differenz der Exporte zu den Importen) jene aus der nach wie vor anhaltenden Binnenmarktschwäche. Zugleich hat jedoch das von Deutschland ausgehende Lohn- und Sozialdumping maßgeblich zu jenen ökonomischen Schieflagen innerhalb der Eurozone beigetragen, die heute unter dem Namen “Eurokrise” firmieren.

Der Vergleich mit den vom Statistischen Bundesamt für das Jahr 1991 (dem ersten vergleichbaren Jahr nach der Wiedervereinigung) ausgewiesenen Beschäftigungsdaten zeigt bei der Arbeitnehmerbeschäftigung massive Verschiebungen zwischen Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung:

  • Vollzeitbeschäftigung
    • 2012 24,3 Millionen
    • 1991 29,2 Millionen
    • Veränderung: -4,9 Mio. bzw. -16,6%
  • Teilzeitbeschäftigung (inkl. Minijobs)
    • 2012 12,7 Millionen
    • 1991 4,7 Millionen
    • Veränderung: +7,9 Mio. bzw. +167,7%

Der Anstieg der Arbeitnehmerbeschäftigung gegenüber dem Jahre 1991 um ca. 3 Millionen ist somit das Resultat einer Stückelung ehemaliger Vollzeitstellen in Teilzeit- und Minijobs. Zudem ist berücksichtigen, dass die heutige Teilzeitbeschäftigung einen deutlich höheren Anteil an Minijobs aufweist.

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