Zum 27. Januar – Zwei Jahrestage und zwei Tagebücher

Opfer der Blockade von Leningrad - Bildquelle: Google

Opfer der Blockade von Leningrad – Bildquelle: Google

Quelle: NachDenkSeiten

Für Anne Frank, Tanja Sawitschewa und all die Anderen

An diesem Tag gedenken wir der Befreiung von Auschwitz [1]. Als die Rote Armee 1945 die Tore öffnete, boten sich ihr Bilder, die in ihrer Grausamkeit durch nichts zu überbieten sind [2]. Gott sei Dank ist der 27. Januar inzwischen ein offizieller Gedenktag!
Aber wir dürfen auch einen anderen Gedenktag nicht vergessen, denn genau ein Jahr zuvor hatte die Rote Armee schon einmal bestialische Verbrechen von Deutschen im Nationalsozialismus beendet: Am 27. Januar 1944 „endete die Blockade von Leningrad“ [3], die Stadt, die heute wieder (Sankt) Petersburg bzw. Petrograd heißt. Von Nadja Thelen-Khoder

„Blockade“ – was für ein Wort!

Am 22. Juni 1941 überfiel die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion, und mit unvorstellbaren Kriegsverbrechen „eroberte“ sie Kilometer für Kilometer, Dorf für Dorf, Stadt für Stadt. Dörfer wurden niedergebrannt, Menschen, die in den meisten Medien seit acht Jahren Nazis an der Regierung propagandistisch als „minderwertig“ bezeichnet worden waren, wurden wie Vieh zusammengetrieben und ermordet, und die Sieger feierten sich oft als „Herrenmenschen“.

Am 8. September 1941 war die deutsche Wehrmacht vor Leningrad angekommen, und es begann auch da einer der furchtbarsten Gräuel in der Geschichte der Menschheit: Bis zum 27. Januar 1944, fast 900 Tage lang, belagerten deutsche Soldaten die Stadt, um nahezu alle ihre Einwohner an Hunger sterben zu lassen. Weit mehr als eine Million Menschen (die Zahlen schwanken; 1 100 000 ist die kleinste) verhungerten langsam und qualvoll.

Etwa sechs Millionen Juden, eine halbe Million Sinti und Roma, weit mehr als eine Million Leningrader – diese Zahlen sind so unvorstellbar, dass sie oft kaum noch eine Wirkung auf denjenigen haben, der sie zur Kenntnis nehmen soll.

Es ist das Tagebuch von Anne Frank [4], das wirklich erschüttert und uns einen kleinen Eindruck davon gibt, was die von Deutschen lange vorbereitete, geplante, systematische, technokratische, bürokratische Ermordung der europäischen Juden bedeutete.

Und es ist das Tagebuch von Tanja Sawitschewa [5], das uns verstehen lässt, was es bedeutete, als Deutsche den Willen Adolf Hitlers in die Tat umzusetzen versuchten, dass sämtliche Einwohner Leningrads verhungern sollten:

„Schenja starb am 28. Dezember um 12.00 vormittags 1941. (28 декабря 1941 года. Женя умерла в 12 часов утра. )

Großmutter starb am 25. Januar, 3 Uhr nachmittags 1942. (Бабушка умерла 25 января 1942-го, в 3 часа дня.)

Ljoka starb am 17. März um 5 Uhr vormittags 1942. (Лёка умер 17 марта в 5 часов утра. )

Onkel Wasja starb am 13. April um 2 Uhr nach Mitternacht 1942. (Дядя Вася умер 13 апреля в 2 часа ночи. )

Onkel Ljoscha am 10. Mai um 4 Uhr nachmittags 1942. (Дядя Лёша 10 мая в 4 часа дня. )

Mutter am 13. Mai um 7.30 vormittags 1942 (Мама — 13 мая в 730 утра.)

Die Sawitschews sind gestorben. (Савичевы умерли.)

Alle sind gestorben. (Умерли все.)

Nur Tanja ist geblieben. (Осталась одна Таня.)“ [6]

Tanja starb am 1. Juli 1944.

„8.9.41-27.1.44: Blockade von Leningrad“ [7] – so oder so ähnlich lauten die Eintragungen in den Geschichtsbüchern, und bei „Blockade“ und „Berlin“ denken viele Deutsche nur an die „Berlin-Blockade“ von 1948. Wie sie bei „Terror gegen die Zivilbevölkerung durch Bombenangriffe“ an Dresden denken und nicht an London; die Idee, gezielt Zivilisten durch Terror aus der Luft zu töten und zu demoralisieren, wurde von Adolf Hitler für London glühend vertreten und durch deutsche Soldaten in die Tat umgesetzt, und über den „Volksempfänger“ wurden die entsprechenden Reden verbreitet.

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