Londoner Unternehmer ist neuer DIHK-Präsident. Eric Schweitzers Alba-Konzern hat seinen rechtlichen Sitz in der Finanzoase an der Themse

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Quelle: junge Welt

Die versammelten Unternehmer-Funktionäre der deutschen Industrie- und Handelskammern (IHK) wählten am 20. März Eric Schweitzer zum Präsidenten ihres Dachverbands, dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Das ist einer der vier Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft. Zuvor hatte Schweitzer, Chef der Müllentsorgungsfirma ALBA, acht Jahre lang als Präsident der IHK Berlin amtiert.

Der Aufsteiger hat gute, parteiübergreifende Beziehungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel berief ihn in ihren kleinen, exklusiven Rat für nachhaltige Entwicklung. Berufsmäßig zählt der DIHK-Präsident den Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zu seinen guten Freunden, denn die Verwertung des begehrten Großstadt-Abfalls hängt wesentlich von politischen Entscheidungen der Stadt ab. Die bundesdeutsche Meinungswächterin Friede Springer (Bild, Welt) sitzt im ALBA-Aufsichtsrat. In Gremien der Gruppe sitzen oder saßen Politiker und Banker wie Rechtsaußen Friedrich Merz (CDU), der Berliner Exfinanzsenator Peter Kurth (CDU) und Friedrich Janssen, der die Bank Oppenheim mit in die Pleite führte und nun wegen schwerer Untreue in Köln vor Gericht steht.

Schweitzer firmiert mit seinem Bruder Axel als Eigentümer und Geschäftsführer der ALBA Group plc & Co. KG. Sie nennt als ihren Geschäftssitz die Berliner Knesebeckstraße 56–58. Das Entsorgungsunternehmen mit mindestens 200 Tochterfirmen expandierte unter Eric Schweitzers Regie insbesondere in Ostdeutschland, hat einen Umsatz von drei Milliarden Euro und 9000 mehr oder minder gut bezahlte Mitarbeiter.

Schweitzer führt sein Unternehmen als fundamentalistischer Anhänger der »freien« Marktwirtschaft: Als er 2007 das Müllunternehmen U-Plus kaufte, forderte er die 2000 Beschäftigten auf, einen Vertrag mit einem Verleih­unternehmen zu unterschreiben. Andernfalls drohe Kündigung. Das Verleihunternehmen zahlte zwar Tariflöhne, aber die waren mit einer »christlichen« Gewerkschaft ausgehandelt und wesentlich niedriger als die des DGB-Pendants. Zwang gegen Dritte gehört zu dieser Art »Freiheit«. Das Verleihunternehmen war übrigens eine Tochterfirma von ALBA, so daß die Schweitzers zweimal kassieren konnten. Das ARD-Magazin »Plusminus« berichtete am 6. März über den Streik in der ALBA-Niederlassung Sennfeld gegen Niedriglöhne und für einen Tarifvertrag. Bodo Gast, Betriebsratsvorsitzender in der Niederlassung Oberhavel, sagte aus, daß die Beschäftigten zu Neuverträgen mit 30 Prozent weniger Lohn gezwungen wurden.

Auf diese Weise kommt man zu Geld. Die Unternehmerbrüder werden mit ihrer Vermögensmilliarde zu den 100 reichsten Deutschen gezählt. Eric Schweitzer war lange Mitglied einer Partei mit passenden Wertvorstellungen, hier der FDP. Im Sommer 2012 trat er aus. In Vorbereitung auf sein neues Amt waren er und seine Freunde umsichtig genug, die Verbindung mit der Schrumpfpartei zugunsten noch höherer Werte zu kappen. Nach Oligarchenmanier und zur populistischen Imagepflege fehlt nicht der gesponserte Sportverein, in diesem Fall der Basketballverein Alba Berlin, eine Tochterfirma des Konzerns.

Überhaupt hat der Vertreter des ganz freien Unternehmertums keine Schwierigkeiten mit Methoden, die jeden Diktator vor Neid erblassen lassen. Die Wahl zum DIHK-Präsidenten erfolgte nicht mit einer Mehrheit von 99,8 Prozent, sondern von 100 Prozent. Alternativen, Diskussionen: Kennt man nicht, werden unterdrückt. So vertritt Schweitzer ganz freiheitlich 3,6 Millionen gewerbliche Unternehmen, die per Gesetz IHK-Zwangsmitglieder sind. Die »Freiheit« nach der Art von Schweitzer und seinen Freunden paßt ausgezeichnet zum staatlichen Zwang, auch entgegen dem routinemäßigen Gelaber, der Staat müsse sich aus der Wirtschaft heraushalten.

Die Alba Group plc & Co. KG ist entgegen dem, was ihr Eigentümer erzählt, kein deutsches Unternehmen. Mithilfe des Briefkastenverwalters Hackwood Secretaries verlegte Schweitzer 2011 den rechtlichen Sitz nach United Kingdom, London, 1 Silk Street. Hackwood Secretaries ist eine Tochterfirma der Wirtschaftskanzlei Linklaters. So konnte Schweitzer mit der Verlagerung die Gründung eines Aufsichtsrates verhindern, in dem auch Beschäftigte vertreten wären, so Rechtsanwalt Stefan Kühn in »Plusminus«.

Hackwood verwaltet auch zwei Firmen namens Alpsee Limited und Eibsee Limited. In diesen fiktiven Londoner Seen sind die 50000 Aktien der Alba Group versenkt: 25000 Aktien von Dr. Eric Schweitzer im Eibsee und die 25000 Aktien von Dr. Axel Schweitzer im Alpsee. Sie sind »dormant companies«, also Kapital-Schläfer. Als Postadresse ist jeweils angegeben: c/o Alba Group plc & CO. KG, Knesebeckstraße 56–58, Berlin, Germany.

In der Londoner Registereintragung von ALBA Group Europe, zuletzt aktualisiert am 13.12.2012, sind die Verantwortlichen eingetragen. Bei Markus Guthoff ist als Tätigkeit »Banker« vermerkt, bei Joachim Wagner »Director«. Bei Eric Schweitzer heißt es in der Rubrik Tätigkeit: NONE, keine. So wurde ein Londoner Kapitalschläfer zum Präsidenten des DIHK gewählt. Glückwunsch, Deutschland!

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