Die Deutschen zwischen Verfolgungs- und Größenwahn

Mann, der hat Muckis! BILD zeigt den Bundesadler, wie er derzeit eigentlich aussehen müsste: stolz, entschlossen, kräftig Foto: Huber

Mann, der hat Muckis! BILD zeigt den Bundesadler, wie er derzeit eigentlich aussehen müsste: stolz, entschlossen, kräftig Foto: Huber

Wenn man dieser Tage die Verlautbarungen der Politiker und die Kommentare in den Medien verfolgt, dann kann einem nur noch Angst und Bange werden. Es herrscht eine Stimmung, wie man sie in der Literatur oder in der kritischen Geschichtsschreibung vor exakt einhundert Jahren, nämlich vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschrieben findet.

Wir Deutschen sind die Erfolgreichsten, wir sind diejenigen die wirtschaftlich am besten dastehen, wir haben die die richtigen wirtschaftspolitischen Konzepte, wir bürgen und zahlen für die anderen, wir sind die Retter Europas, am deutschen Modell soll Europa genesen. So hört und liest man allenthalben. Dieses Selbstlob, ja diese Selbstüberschätzung trägt Züge von Größenwahn. Auf der anderen Seite beklagt man die Kritik unserer Nachbarn an der maßgeblich von der deutschen Regierung geprägten Austeritätspolitik mit einer Weinerlichkeit, die man nur noch als Verfolgungswahn bezeichnen kann. Von Wolfgang Lieb.

Von Portugal, über Spanien, Italien, Griechenland und jetzt auch in Zypern gehen die Menschen auf die Straße und lassen ihre Wut gegen die Kanzlerin, gegen die Deutschen aus. Nazi-Symbole werden uns Deutschen entgegengehalten und Angela Merkel mit Hitler-Bärtchen auf Plakate gemalt. Auch das sieht man fast jeden Abend in der Tagesschau.

Unter der Überschrift „Auf sie mit Gebrüll“ beklagt sich der Leiter des Brüsseler Büros der Süddeutschen Zeitung, der doch eigentlich ansonsten sehr ausgewogen berichtende Martin Winter über die „feindselige Stimmung“ und „die Wut in den Krisenländern gegen die Deutschen“. Auch in vielen anderen Medien finden sich solche Beiträge voller Selbstmitleid. Diese in Deutschland um sich greifende Weinerlichkeit wiederum trägt Züge von Verfolgungswahn. Wie so häufig treffen Größen- und Verfolgungswahn zusammen.

An Martin Winters Kommentar habe ich mich besonders gestoßen, weil ja „die Süddeutsche“ nicht nur die größte deutsche Tageszeitung im Lande ist, sondern weil sie entgegen ihrem Regionalbezug im Namen, eher als europafreundlich, liberal und tolerant gilt. Von Springers Welt oder Bild erwartet man ja ohnehin nur offen oder versteckt nationalistische oder gar chauvinistische Töne.

Der Kommentar in der SZ ist also ein Warnzeichen dafür, wie weit die Weinerlichkeit nach innen bei gleichzeitiger Feindseligkeit nach außen schon ins bürgerliche Bewusstsein vorgedrungen ist.

Die Selbstbezogenheit in diesem Artikel beginnt schon in der Anmoderation: „Die ständig geschürten Vorurteile gefährden das Fundament der EU.“ Die Vorurteile sind also nur bei den „vielen Nachbarländern“ zu finden, bei uns Deutschen natürlich nicht.

Dass während der gesamten Euro-Krise in Deutschland Stimmung gegen die faulen und korrupten Griechen, gegen die lahmen und fußkranken Portugiesen, gegen die mafiosen und testosteronüberschüssigen Italiener, gegen die gesamten PIGS-Staaten (pigs= englisch Schweine) gemacht wurde, hat Martin Winter offenbar verdrängt. Nach seiner Meinung weht ausschließlich „den Deutschen …in Europa ein rauer Wind um die Ohren“. Dass es vor allem der Einfluss der deutschen Politik in Brüssel war, der für Millionen Europäer nicht nur „rauen Wind“ wehen ließ, sondern handfeste Not brachte, wird kritiklos für richtig und gut gehalten.

Die eine oder andere Regierung eines Krisenlandes“ schiebe Berlin „die Schuld an den schmerzhaften Folgen des Krisenmanagements“ zu, „um vom eigenen Versagen abzulenken“. Es sind nur die anderen, die „versagt“ haben und deswegen muss das „Krisenmanagement“ natürlich „schmerzhafte Folgen“ haben, denn dieses über der Demokratie stehende Management ist ja nach Winters Meinung offenbar alternativlos und „schuld“ sind sowieso immer nur die anderen. Als „größtes, wirtschaftlich erfolgreichstes und in der Krisenbewältigung mächtigstes Land“ kann Deutschland ja gar keine „Schuld“ haben. Denn der Erfolg heiligt schließlich alle Mittel. Auch die Mittel in einer Währungsunion seine Nachbarn mit Lohn-, Sozial- und Unternehmensteuer-Dumping nieder zu konkurrieren oder seine wirtschaftlichen Erfolge nahezu ausschließlich über Leistungsbilanzüberschüsse aufzubauen und andere auf Dauer zwingend in die Verschuldung zu treiben.

Für Martin Winter ist es geradezu Majestätsbeleidigung, dass sich etwa die Belgier erdreisten, Deutschland bei der EU-Kommission anzuzeigen, „weil sich das Land mit niedrigen Löhnen angeblich unfaire Wettbewerbsvorteile in der EU verschafft“. Diese Anzeige durch Belgiens Regierung „zeugt von schlechtem europäischen Geist“. Guter europäischer Geist ist also für den Kommentator im Umkehrschluss, dass Deutschland durch Lohnstagnation sowie aus einer notorisch schwachen Binnennachfrage resultierende niedrigere Inflationsrate die kleineren Nachbarn ökonomisch an die Wand gedrückt hat.

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