»Der Staat verkauft die Kinder an die Industrie«

Junge-WeltQuelle: Junge Welt

Im Bildungswesen wird weiter privatisiert. Konzerne machen Schulen und Kindergärten zu Werbeträgern. Gespräch mit Anne Markwardt

Interview: Ben Mendelson

 Anne Markwardt ist bei der Verbraucherorganisation foodwatch für das Thema Kinderlebensmittel zuständig
 
Vor drei Wochen hat die Verbraucherorganisation foodwatch dem »ungesunden Dickmacher« Capri-Sonne den »Goldenen Windbeutel« für die »dreisteste Werbelüge 2013« verliehen, weil dieser massiv an Kinder vermarktet wurde. Passiert das auch an Schulen?

Die Lebensmittelindustrie ist auch an Schulen vertreten. Konzerne wie Nestlé, McDonald’s oder Ritter stellen Unterrichtsmaterialien zur Verfügung und versuchen so, ihre Marken in den Schulen zu positionieren und bestimmte Botschaften über Ernährung zu vermitteln. Damit erhalten die Kinder oft ein falsches Bild. Außerdem finanzieren Marken wie PomBär oder funny-frisch Preisverleihungen, Sportveranstaltungen und Schulfeste. Auch Kindergärten werden zur Werbefläche, sie erhalten z.B. Päckchen mit kostenlosen Produktproben zugeschickt.

Ist Werbung an Schulen überhaupt erlaubt?

Alle 16 Bundesländer haben unterschiedliche Schulgesetze. Außer in Berlin ist kommerzielle Werbung an Schulen überall verboten. Erlaubt sind aber Schulauftritte von Firmen und die Finanzierung schulischer Aktivitäten, wenn dabei nicht »der pädagogische Nutzen« vernachlässigt wird. Dieser Nutzen ist aber nicht definiert, die Auslegung liegt letztlich bei Schulleitern und Lehrern. Die stehen dann vor der Frage, ob sie eine gesponserte Veranstaltung machen oder gar keine. Skandalös ist daran, daß der Staat die Schulen in diese Situation bringt, indem er solche Kernaufgaben an die Privatwirtschaft abgibt – und damit die Kinder an die Industrie verkauft.

Gibt es Studien darüber, in welchem Maße an Schulen geworben wird?

Was die Lebensmittelindustrie angeht, liegen uns keine Langzeitstudien vor. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat allerdings festgestellt, daß die Privatisierung des Bildungswesens in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Neben der Lebensmittelindustrie machen sich jetzt auch Energieunternehmen oder die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft im Bildungswesen breit. Sie versuchen beispielsweise, in den Politik- oder Sozialkunde-Unterricht einzudringen.

Die Organisation Lobbycontrol hat den Einfluß von Lobbyisten auf Schulen aufgedeckt: Quasi jede lobbyistische Gruppierung versucht, Einfluß zu gewinnen. Die Gründung spezialisierter Werbeagenturen wie der »Deutschen Schulmarketing Agentur« zeigt, wie weit die Entwicklung vorangeschritten ist. Zu ihren Kunden zählen laut Lobbycontrol u.a. die AOK, die Deutsche Bank und Nokia.

Ist diese Form von Werbung effektiv?

Absolut. Die Marken werden in einem vertrauenswürdigen Umfeld präsentiert. Das Ziel der Industrie ist, sich bei den Kindern bekanntzumachen. Das funktioniert an Schulen und Kindergärten besonders gut, weil dort Erzieher und Lehrer sind, denen die Kinder vertrauen und von denen man annimmt, daß sie nur das Beste für die Heranwachsenden wollen.

Perfide daran ist, daß die Kinder dieser Werbung überhaupt nicht ausweichen können, schließlich müssen sie zur Schule gehen und beispielsweise mit den gesponserten Materialien arbeiten. Dieser Werbung kann sich also kein Kind entziehen – und Eltern können ihre Kinder faktisch davor nicht schützen.

Was sollte die Politik gegen die Privatisierung an den Schulen tun?

Die Werbung an Schulen und Kindergärten muß unterbunden werden. Damit sind auch Veranstaltungen gemeint, die im Zusammenhang mit Markennamen oder Logos stehen. Die Lebensmittelindustrie trägt mit ihrem auf Kinder ausgerichteten Junkfood-Marketing eine Mitverantwortung für Übergewicht, Fehlernährung und ernährungsbedingte Krankheiten bei jungen Menschen. Die Lebensmittelindustrie ist nicht Teil der Lösung, sondern Kern des Problems. Schulen und Kindergärten müssen finanziell so ausgestattet werden, daß sie wieder werbefrei werden.

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