Obama in Berlin: Zur Pose erstarrte Symbolik und leere Worthülsen

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Quelle: NachDenkSeiten

Politik braucht Darstellung, zur Demokratie gehören Massenversammlungen, große Reden brauchen Sätze, die sich ins kollektive Gedächtnis eingraben. Nichts davon, war bei Obamas und Merkels Auftritt auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor ausfindig zu machen. Die ganze Inszenierung war wie eine bombastische Attrappe, die jeden Augenblick zu zerbersten drohte. Da saßen die Hauptakteure wie in einem Aquarium hinter einer riesigen schusssicheren Glaswand. Auf den umstehenden Dächern wachten unverkennbar Scharfschützen. Der Platz auf der westlichen Seite des Brandenburger Tors war leergefegt und die Straße des 17. Juni war menschenleer. Von Wolfgang Lieb

Da war zwischen Bühne und dem platzierten Publikum ein riesiger Sicherheitsgraben. Die Tribünen für die geladenen Gäste waren schütter gefüllt. Spontaner Zulauf war ausgeschlossen. Die akribisch ausgewählten und strengen Sicherheitskontrollen ausgesetzten Besucher mussten zwei Stunden in sengender Hitze ausharren – nicht einmal eigene Getränke oder Sonnenschirme waren erlaubt – und wurden als mit Fähnchen bestückte Claqueure missbraucht. Eine derart unwirkliche „Massenveranstaltung“ hat es wohl noch kaum irgendwo gegeben – nicht einmal in den Masseninszenierungen diktatorisch beherrschter Staaten. So groß ist der Abstand und so tiefsitzend ist die Angst demokratischer Machthaber vor dem „Demos“, also dem gemeinen Volk. So grotesk ist die Inszenierung der Rede des amerikanischen Präsidenten an die deutsche Bevölkerung. Wenn man die Bilder der Reden von John F. Kennedy („Ich bin ein Berliner“) vor dem Schöneberger Rathaus oder Ronald Reagan („Mr. Gorbachev, tear down this wall!“) vor der Mauer am Brandenburger Tor noch vor Augen hat, war der Auftritt Obamas geradezu eine Vergewaltigung der Versammlungsfreiheit und der spontanen Meinungsäußerung – sei es als Jubel oder sei es auch als Missbilligung.

Barack Obamas Begabung als begnadeter Redner konnte nicht über die ziemlich leeren Worte hinwegtäuschen. (Hier der Wortlaut). Das für die Medien spektakulärste Ereignis war wohl, dass er sich in der bulligen Hitze seines Jacketts entledigte. Das grüßende „Hallo Berlin“ war angesichts der Szenerie eher gekünstelt, denn die Berliner waren gerade nicht da. Er kokettierte damit, dass Angela Merkel gegenüber ihren Vorgängern im Amt weiblich und er gegenüber den seinen dunkelhäutig ist. War das noch witzig, so folgte danach ein Klischee nach dem anderen. Er hofierte Merkel als Kind aus dem Osten, das zum Regierungsoberhaupt des vereinten Deutschlands wurde. Dem genius loci folgend durfte das Pathos nicht fehlen, dass keine Mauer „dem Drang nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit standhalten“ könne. Ob er dabei auch an die immer dichteren Befestigungen und Grenzsicherungsanlagen seines Landes gegenüber seinem südlichen Nachbarland Mexiko gedacht hat? Würde er diesen Satz auch in Anwesenheit Netanjahus vor den Mauern gegenüber Palästina sagen?

Quasi als Mitbringsel zu seiner Frau und seine beiden Töchter brachte er auch noch „die anhaltende Freundschaft des amerikanischen Volkes“ mit. Und dann durfte natürlich der Griff in die Kulturgeschichte von der Reformation, dem Land der Dichter und Denker bis hin zu Immanuel Kant nicht fehlen. Faschismus, Krieg und Blutvergießen fing er damit auf, dass sich hier „die Abgründe menschlicher Grausamkeit“ zeigten. „Die Berliner“ und nicht etwa die Siegermächte hätten „eine Insel der Demokratie“ geschaffen. Die Luftbrücke und der Marschall-Plan durfte ein amerikanischer Präsident natürlich nicht unerwähnt lassen.

Das Freiheitspathos durfte nicht fehlen. Das Schicksal Berlins könne man in wenige Worte fassen: „Wollen wir frei leben oder in Ketten? Unter Regierungen, die unsere Menschenrechte wahren oder unter Regimes, die diese unterdrücken. Wollen wir in einer offenen Gesellschaft leben, die die Unverletzbarkeit des Einzelnen achtet oder in abgeschotteten Gesellschaften, die die Seele ersticken?“

Das ist wohlfeile Rhetorik, doch was sagt uns diese für die gegenwärtige Weltlage?

Nichts gegen die Besinnung auf höhere Werte, aber Obama bzw. seine Redenschreiber hatten wohl selbst das Gefühl, dass dieses Pathos angesichts der Wirklichkeit der Gegenwart ziemlich selbstgefällig klingen muss. Obama stieg wohl deshalb vom hohen Ross eines Predigers der Freiheit und mahnte, er komme hierher um zu sagen, „dass Selbstgefälligkeit nicht das Wesen großer Nationen“ sei.

Leider hielt sich der Präsident im weiteren Verlauf nicht an diese Einsicht. Kennedy zitierend erhob er wieder den Blick ins Universelle, auf die gesamte Menschheit. Und auf dieser Ebene lässt sich dann wieder leicht über die Bedrohung der „Freiheit“, „Sicherheit“, über die „Qual des Hungers“ von hunderten Millionen Menschen, über „die Angst der Arbeitslosigkeit“ schwadronieren.

Doch was sind Obamas Antworten auf diese realen globalen Herausforderungen?

„Unser Bündnis ist die Grundlage globaler Sicherheit. Unser Handel und unsere Wirtschaft ist der Motor der Weltwirtschaft.“

Wo in der Welt, sei es in Afghanistan, im Irak, in Haiti, in Libyen – um nur einige der Kriegseinsätze im 21. Jahrhundert zu nennen – hat „unser Bündnis“ mehr globale Sicherheit geschaffen? Was will Obama tun, um mehr globale Sicherheit zu schaffen? Etwa Waffen nach Syrien liefern?

Und hat nicht die jüngst die „Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation“ der UNO (FAO) gemeldet dass trotz oder gerade auch wegen „unseres“ Handels und „unserer“ Wirtschaft, der Hunger in der Welt wieder zugenommen hat. Wie müsste der „Motor der Weltwirtschaft“ laufen, dass künftig nicht länger einer von acht Menschen weltweit jeden Abend hungrig schlafen gehen müsste?

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