Hartz IV – Die sture Sachbearbeiterin

Inge Hannemann im Gespräch mit Katja Kipping

Inge Hannemann im Gespräch mit Katja Kipping

Quelle: taz

Jobcentermitarbeiterin, leistete stillen Widerstand gegen die Missstände bei der Umsetzung von Hartz IV. Ihrer kritischen Blogs wegen ist sie nun von ihrer Arbeit freigestellt worden. “Weil ich zum Beispiel behaupte, dass die 1-Euro-Jobs Ausbeuterjobs sind”, konkretisiert Inge Hannemann. Kritik, die sie nie verheimlichte, die sie aber auch nicht zurücknehmen wollte, als sie vom Arbeitgeber dazu aufgefordert wurde. Und nicht zuletzt Kritik, zu der sie schriftliche Belege habe.

Die Zweifel, die zu ihrer Freistellung führten, kamen im Sommer 2006, erinnert sich die zierliche, viel jünger wirkende Frau, als die Reformen von Hartz IV verschärft wurden. Sie stieß sich an den Sanktionen, die intern als “erzieherische Maßnahmen” deklariert wurden, und an dem gegenseitigen Misstrauen, das die Beratungsgespräche seither dominierte. Vergeblich suchte sie das Gespräch mit ihren Vorgesetzten, einzig bei den Kollegen habe es einige gegeben, die ähnlich dachten. Doch der Tenor war ernüchternd: “Was können wir schon ändern?” Anders als viele ihrer Arbeitskollegen sanktionierte sie fehlbare “Kunden” nur, wenn es nicht anders ging, verschob Termine und besuchte ihre Schützlinge zu Hause, um nach den Gründen ihrer Abwesenheit zu suchen. Erstgespräche deklarierte sie systematisch als “Kennenlerngespräche”, um den Hilfeholenden die Angst zu nehmen; setzte sich mit ihnen bewusst an einen extra Tisch, um in die Augen der Menschen statt in ihren PC zu blicken. Ihre ganz persönliche Erfahrung ist: Das Misstrauen, das vom Jobcenter ausgeht, entwürdigt die Menschen, diskriminiert die sowieso schon Schwachen. Und: Misstrauen ist in den wenigsten Fällen angezeigt. “Natürlich gibt es Leistungsmissbrauch”, meint Hannemann, auch sie hatte schon solche Fälle erlebt, “doch sie sind sehr selten.” Wichtiger als die Zahlen sind ihr ohnehin die Menschen, eigentlich auch ein Grundsatz der Jobcenter: “Wir arbeiten nicht für Zahlen, sondern für Menschen.” Dieser Satz hat sich bei Hannemann eingebrannt, sie erwähnt ihn immer wieder.

Im April 2011 fing die Arbeitsvermittlerin an, nach Feierabend harmlose Beiträge über Hartz IV und Arbeitsrecht, aber auch über persönliche Vorlieben zu schreiben. Ein Jahr später startete sie “altonabloggt”, ein offen kritisches Blog zu Hartz IV und den Missständen in den Jobcentern – natürlich steht im Impressum deutlich ihr Name. Im Februar 2013 veröffentlichte sie dort einen Brandbrief an die Bundesagentur für Arbeit, in dem sie die Besonderheit ihrer Position als interne Kritikerin nutzte, um entschieden auf ein Ende der Sanktionspraxis von Hartz IV hinzuwirken. Ihr Ziel ist die Wiedereinrichtung eines nicht antastbaren Existenzminimums und die Rückkehr zu einer Arbeitsvermittlung auf Augenhöhe. Die aufsässige Sachbearbeiterin, die vielmehr eine kluge Strategin ist, weiß genau, was sie tut. Sie ist selbstbewusst genug zu glauben, dass sie nichts zu verlieren hat, dass sie irgendwo schon unterkommen wird: “Im Verhältnis zu der Willkür, die ich gesehen habe, liegt mein Risiko im Promillebereich.”

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