Immer diese blöde Wirklichkeit

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Ein Händler in der New Yorker Börse (NYSE)

Die Unfähigkeit vieler Ökonomen, etwas Sinnvolles zur Lösung der Finanzkrise beizutragen, hat einen Grund: Es ist ihr unerschütterlicher Glaube ans Gleichgewicht.

von Georg Vobruba

In der Euro-Krise erleidet der (deutsche) ökonomische Sachverstand eine Niederlage nach der anderen. Die Sparpolitik der Krisenländer führt zum Gegenteil dessen, was sie bewirken soll. Warum ist die Mainstream-Ökonomie so erfolglos? Die Ökonomie kann die Finanz- und Euro-Krise nicht erklären, und sie trägt zu ihrer Überwindung nichts bei. Im Gegenteil, das ökonomische Gleichgewichtsdenken ist selbst eine Krisenursache. Dennoch findet es Gehör. Denn die Vorstellung, das Wirtschaftsgeschehen strebe immer wieder auf ein Gleichgewicht zu, birgt ein attraktives Versprechen: die Versöhnung von Egoismus und Gemeinwohl. Die Gleichgewichtsvorstellung dominiert den ökonomischen Diskurs und definiert die kognitiven Grenzen der politischen Elite – vor allem in Deutschland. Sie ist verantwortlich für das tief verwurzelte ökonomisch-politische Opferdenken: Es muss alles erst schlimmer werden, damit es dann besser wird. Sparen als der einzig mögliche Weg aus der Krise, 25 Prozent Arbeitslosigkeit als Schritt zur Gesundung einer Volkswirtschaft. Woher kommt diese merkwürdige und doch so eigenartig zwingende Gleichgewichtsidee?

Im Jahr 1724 schildert Bernard Mandeville in dem langen Lehrgedicht „Die Bienenfabel“ eine Gesellschaft, in der es wüst zugeht. Die Advokaten verleiten aus Habgier ihre Klientel zu Prozessen, den Ärzte geht es nicht um das Heilen, sondern darum, „Durch eifriges Rezepte schreiben/Des Apothekers Freund zu bleiben“, die Minister bestehlen den Thron, dem sie doch dienen sollten. In jener Gesellschaft hat jede Biene nur ihren Eigennutz im Kopf, niemand denkt an das Gemeinwohl. Gleichwohl: „Trotz all dem sündigen Gewimmel/War’s doch im ganzen wie im Himmel.“ Hinter dem Rücken der Egoisten setzte sich das gemeinsame Beste durch. Denn letztlich sorgt Gott dafür, dass „Der Allerschlechteste sogar/ Fürs Allgemeinwohl tätig war“.

Strahlende Karriere

Etwa 50 Jahre später trug Adam Smith diesen Gedanken in die Ökonomie: Eine Gesellschaft von Egoisten funktioniert zum Wohle aller. Denn es wirke eine Kraft, die Interessen in Gemeinwohl transformiert, die „invisible hand“. Diese Vorstellung hat etwas ungemein Beruhigendes. Man kann mit gutem Gewissen gewissenlos sein.

Die Gleichgewichtsidee machte in der Ökonomie eine strahlende Karriere. Ursprünglich wurde sie als ein starker Hinweis auf die Weisheit Gottes genommen, später wurde das Gleichgewicht ein Zustand, der zwar nicht immer Realität ist, auf den die Ökonomie aber immer zustrebt – wenn man sie nur lässt. Praktische Erfahrungen, die mit der Gleichgewichtsidee nicht vereinbar waren, führten keineswegs zu einer Revision der Idee, sondern zu ihrer Immunisierung gegen eine schlechte Wirklichkeit und zu Versuchen, die Wirklichkeit nach der Idee zu gestalten. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging es der Ökonomie nicht mehr darum, die Theorie an der Wirklichkeit zu prüfen, sondern die Wirklichkeit an der Theorie. Während die nun neu aufkommende Soziologie sich als der Empirie verpflichtete Wissenschaft verstand, erzwang das Gleichgewichts-Apriori in der Ökonomie die entgegengesetzte Attitüde: Wenn Theorie und Wirklichkeit nicht übereinstimmen – schlecht für die Wirklichkeit!

Letzter Ausbruchsversuch

Dem entsprach die zunehmende Abschottung ökonomischer Theoriediskussionen und ein eigenartiger Habitus vieler daran Beteiligter, eine Mischung aus Arroganz und Wehleidigkeit: Nur wir verstehen die ehernen Gesetze der Ökonomie, aber auf uns hört ja keiner.

In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts unternahm das ökonomische Gleichgewichtsdenken einen letzten Ausbruchsversuch in Richtung Realismus. Man machte aus den Unsicherheiten von Marktprozessen selbst einen Markt. Damit begann die Derivateindustrie. Die Grundidee war, die Ungewissheiten der Marktentwicklung zu verpreisen, dafür einen Markt zu schaffen und so Gleichgewichtsprozesse in Gang zu setzen, die ausgleichend auf die Realwirtschaft zurückwirken. Es ging um die theoriegeleitete Erfindung von Finanzprodukten, von deren praktischem Einsatz man sich Wirkungen versprach, welche die Theorie bestätigen sollten. Die alte Hoffnung auf eine Versöhnung von Geldgier und Gemeinwohl. Sie wurde bitter enttäuscht.

Wie reagiert die Gleichgewichtsökonomie auf das Desaster? Sie hat nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Gleichgewichtsidee wird weiter gegen die Realität verteidigt. Das setzt voraus, dass man jeden Anspruch aufgibt, reale Prozesse zu erklären, und bei der Ökonomie als einer Handlungslehre bleibt, die sich gegen die Realität zu behaupten hat. In diese Richtung weisen in der Theorie Modelle, die als mathematisierte Erlösungshoffnungen präsentiert werden; und in der Praxis politische Allmachtsfantasien dieser Art: „Italien würde … einen harten Sparkurs fahren und etwa 4,5 Prozent Primärüberschuss über 25 Jahre erzielen müssen. Machbar ist das.“ So allen Ernstes das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrats Beatrice Weder di Mauro. Oder die Ökonomie gibt das Gleichgewichtsaxiom auf. Aber es fragt sich, was ihr dann noch bleibt.

Ökonomische Knappheit ist ein grundlegender Sachverhalt jeder nur denkbaren modernen Gesellschaft. Der Umgang mit Knappheit ist immer konfliktanfällig und darum kompliziert. Rationale Lösungen von Knappheitsproblemen erfordern, dass die Gesellschaft zu einem aufgeklärten Blick auf dieses ihr Kernproblem in der Lage ist. Mit dem Versagen der Gleichgewichtsökonomie aber bringt sich die Gesellschaft um eines ihrer wichtigsten Instrumente der Selbstbeobachtung. Was könnte schlimmer sein?

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