Der verschwiegene „Klassenkampf von oben“ – Wir dokumentieren einen politischen Skandal sondergleichen

131219__der_sozialisierungs-geierWenn Sie heute die hoffentlich guten Reden zum 100. Geburtstag von Willy Brandt hören, dann werden Sie selten etwas davon vernehmen, dass Willy Brandt und seine Partei im Wahlkampf 1972 einer massiven Kampagne finanziell potenter Kräfte ausgesetzt waren, einem Putschversuch. Damals rotteten sich Leute aus der Wirtschaft zusammen, gründeten Briefkastenfirmen und allerlei Initiativen und schalteten meist anonym über 100 Anzeigen. Diese Wahlhilfe für die CDU und CSU kostete nach Schätzungen rund 34 Million DM und damit mehr als der offizielle Wahlkampf der großen Parteien. In den meisten historischen Werken kommt diese politische Intervention des „großen Geldes“ nicht vor oder wird allenfalls am Rande erwähnt. Das ist offensichtlich ein Liebesdienst der Historiker für die finanziell gut ausgestattete Oberschicht. Deshalb dokumentieren wir den „Klassenkampf von oben“. – Wenn Sie politisch interessiert sind oder sich einfach für die jüngere Geschichte interessieren oder einfach nur wissen wollen, wie die Machtverhältnisse in Deutschland waren und sind, dann sollten Sie sich die Machwerke anschauen. Das kostet allerdings etwas Zeit. Aber es lohnt sich. Albrecht Müller.

Der Zugang zur Dokumentation:

Auf der folgenden Adresse erhalten Sie mit folgenden Zugangsdaten Zugriff auf die Dateien:
NAME: AMBRANDT
PASSWORT: AMBRANDT2013

Die Anzeigen sind von 50 verschiedenen Initiativen und Briefkastenorganisationen geschaltet worden. Um Ihnen die Orientierung zu erleichtern, sind am Ende dieses Textes als Anhang diese verschiedenen Organisationen und Hilfstruppen der CDU und CSU aufgelistet.

An dieser Stelle zunächst noch ein großer Dank an das Archiv der sozialen Demokratie. Dort lagern die Anzeigen aus dem Bundestagswahlkampf 1972. René Weigt hat sie zur Dokumentation aufbereitet. Ihm und dem Archiv gebührt unser Dank.

Die meisten Anzeigen sind vor 40 Jahren im rororo-Aktuell Band Nr. 1658 dokumentiert worden. Damals, 1973, herausgegeben von Jörg Richter unter dem Titel „Klassenkampf von oben? Oder Angstmacher von rechts“. Und diese Dokumentation wiederum basierte auf der vom SPD-Vorstand und seinem Bundesgeschäftsführer Holger Börner vorgelegten Dokumentation zu den Hintermännern der damaligen Kampagne der Union.
Der Begriff „Klassenkampf von oben“ stammt übrigens vom damaligen NRW-Ministerpräsidenten und stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Heinz Kühn.

Die Kampagne war ausgesprochen aggressiv. Die Hintermänner der Union hatten die Drecksarbeit übernommen.

Machen Sie sich bei den Anzeigen selbst ein Bild. Die Anzeigen gehen in Text und Bild weit unter die Gürtellinie. Willy Brandt wird unterstellt, dass er unser Land und unsere Freiheit verkauft. Rechtsnationale Töne sind gang und gäbe. Willy Brandts Familie wird in die Kampagne einbezogen und selbstverständlich auch die anderen Unterstellungen.

„Wir sind noch einmal davon gekommen“

In meinem neuen Buch „Brandt aktuell. Treibjagd auf einen Hoffnungsträger“ habe ich einige dieser Anzeigen schon dokumentiert und eingeordnet. Dort mache ich vor allem deutlich, wie aktuell dieser Vorgang ist. Auch heute wäre es dringend nötig, sich des vorherrschenden Einflusses des großen Geldes zu erwehren. Es wäre heute noch wichtiger, weil weite Teile der Politik von der finanzkräftigen Oberschicht bestimmt werden.
Die SPD hat sich damals gegen die Intervention der wirtschaftlich Mächtigen gewehrt.

Das war nur möglich, weil Willy Brandt mit dieser Gegenwehr einverstanden war und sie selbst wesentlich getragen hat. Schon damals gab es Kräfte in der SPD, die meinten, die Gegenwehr habe das Verhältnis der SPD zur Wirtschaft beschädigt. Das ist ziemlicher Unsinn. Mit der Gegenwehr, mit der Frage, was der Kanzlerkandidat der Union, Rainer Barzel, politisch für die Wahlhilfe versprochen habe, hat sich die damalige SPD wenigstens Respekt verschafft. Und im Übrigen wäre die Wahl verloren gewesen, wenn die Kampagne der Hilfstruppen der Union nicht gegen die Union selbst gewendet worden wäre.

„Wir sind noch einmal davongekommen“– so ist mein Beitrag in dem erwähnten rororo-Aktuell überschrieben. Später hat sich die SPD nicht mehr gewehrt – bis hin zur Anbiederung des bisherigen Fraktionsvorsitzenden und jetzigen Außenministers Steinmeier mit seiner Rede beim Arbeitgeberverband, die wir in den NachDenkSeiten schon dokumentiert hatten. Ich verlinke noch einmal darauf, weil kontrastreicher das Bild nicht sein kann, wenn man die hier dokumentierten Anzeigen des Großen Geldes und die Gegenwehr der damaligen SPD mit der Rede von Steinmeier vom 19.11.2013 vergleicht.

Sehr interessant ist das Versagen der Historiker und der Geschichten schreibenden Journalisten

Nahezu alle beschreiben zum Beispiel den hohen Tarifabschluss im öffentlichen Dienst im Frühjahr 1974 und werten diesen als letzten großen Tritt gegen Willy Brandt, als Beleg seines angeblichen wirtschaftspolitischen und finanzpolitischen Versagens und als eine maßgebliche Ursache für den Rücktritt. Das ist alles maßlos übertrieben und wie immer von historischer Schrift zur nächsten historischen Schrift nachgeplappert. Gravierender aber: die Kampagne der Hilfstruppen der Union, die wir hier dokumentieren, wird von den Historikern und geschichtsschreibenden Journalisten verschwiegen oder nur am Rande erwähnt. Das hat vermutlich mit ihrer vermeintlichen Klassenzugehörigkeit zu tun. Der Wirtschaft war die damalige Kampagne zu Gunsten der Union peinlich. Darüber soll möglichst wenig berichtet werden. Also verfahren die Historiker wunschgemäß.
Einer der ersten Biografen von Willy Brandt, Gregor Schöllgen, verfährt schon so. Ihm folgen die geschichtsschreibenden Nachfolger – bei diesem Thema, wie bei anderen Themen auch.
Der Geburtstag Willy Brandts könnte so auch Anlass für einen Text über das jämmerliche Versagen der einschlägigen Historiker sein. Allein am Beispiel des Wahlkampes 1972 könnte ich Seiten mit Belegen für dieses Versagen füllen. Vielleicht ein andermal.

Anlage

Übersicht über die meist anonymen finanzstarken Gruppen, die im Bundestagswahlkampf 1972 Anzeigen gegen Willy Brandt und die SPD schalteten. Es ist also eine Übersicht zu den Hilfstruppen von CDU und CSU:

LEGENDE

Die übergeordneten Hilfstruppen = fett und unterstrichen
Regionale Initiativen, die wahrscheinlich zu dieser Hilfstruppe gehören= unterstrichen
Die Anzeige= Normale Schrift

Aktion Bonner Staatsbürgerinnen für die CDU

  • Man sagt, Mode sei nur für Frauen gemacht
  • Das neue Rezept

Aktion der Mitte

  • Bürgerinitiative Aktion der Mitte
  • BonnBlitz Nobler Schachzug
  • Bitte entscheiden Sie sich für Freiheit – gegen Sozialismus
  • BonnBlitz Die Liberalen verlieren ihre illusionen!
  • BonnBlitz Frieden
  • BonnBlitz Honorar für Mahler
  • BonnBlitz Marx und Murks
  • BonnBlitz Menschlichkeit vor der Wahl
  • BonnBlitz Nicht im Spiegel
  • BonnBlitz Strauß, der Preisbremser
  • Ist das der Frieden, Herr Bundeskanzler?
  • Wie glaubwürdig ist der Bundeskanzler
  • BonnBlitz Bitte, telegrafieren Sie
  • BonnBlitz Ein Zwerg
  • Sozialismus ja oder nein

Fraueninitiative Aktion der Mitte

  • Ein Preisbremser wie Strauß muß her!

Jugendinitiative Aktion der Mitte

  • Manifest der jungen Wähler

Aktion Junge Wähler für die CDU

  • Aktion Junge Wähler

Aktion Männer, denen wir vertrauen

  • Männer, denen wir vertrauen

Aktion Solidarität

  • Auf unser Haushaltsgeld kommts an!
  • Hände weg von unserer Wirtschaft, keine Experimente mit uns
  • Hände weg von unserer Wirtschaft
  • Liberal Ja FDP Nein
  • Wir jungen Wähler sagen Diesen Sozialismus wollen wir nicht
  • Wer denkt, wählt richtig
  • Schreiben (Flugblatt?)

Akzente, politischer Arbeitskreis Essen

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