Papst Franziskus und der Marktgott

Ende KapitalismusQuelle: Cicero

Weiß Gott, der Papst hat sich etwas gedacht, als er in seinem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ verkündete: „Diese Wirtschaft tötet.“ Es ist ein absoluter Satz. Wahrhaft päpstlich. Und nicht die einzige Formulierung mit der Kraft eines Bannstrahls. Weitere anklagende Worte des Franziskus seien hier zitiert: „Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.“

„Wir haben neue Götzen geschaffen.“ „Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt.“ „In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache (…) wehrlos gegenüber den Interessen des vergöttlichten Marktes, die zur absoluten Regel werden.“ Die Exkommunikation des Marktradikalismus durch den Vatikan erfolgt unmissverständlich, ungehalten, unerbittlich.

Und wie reagieren die Leib- und Liebediener eben jenes unfehlbaren Marktes? „Der Papst irrt“, erklärt Marc Beise mit kühnem Gestus in der Süddeutschen Zeitung. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zeiht Rainer Hank den katholischen Oberhirten erbittert der „spätmarxistischen“ Theologie. Verständlich, dass jetzt in den Wirtschaftsredaktionen der Teufel los ist. Hat man doch über Jahre und Jahrzehnte die Segnungen des Marktes gepredigt, hat man doch Tag für Tag der unsichtbaren Hand des Marktes gehuldigt, hat man doch das Heil beschworen für und für, das anbrechen werde von Ewigkeit zu Ewigkeit, wenn dereinst den Geboten des Marktgottes Genüge getan werde. Und nun dies: Ein Antikapitalist auf dem Stuhle Petri!

So jedenfalls belieben die Wortführer der Marktgläubigen zu behaupten. In der Welt unterschiebt die stellvertretende Chefredakteurin Andrea Seibel dem Papst die Sentenz: „Kapitalismus tötet“, als Zitat wohlgemerkt, in Anführungszeichen. Und Seibel rüffelt den Papst: „Franziskus hätte den Satz besser nicht gesagt.“ Er hat den Satz auch nicht gesagt. Im päpstlichen „Evangelii Gaudium“ ist die Passage nicht zu finden. Dort lautet die Formulierung: „Diese Wirtschaft tötet.“ Mit dem Satz meint der Papst ausdrücklich den Marktradikalismus – nicht etwa den Kapitalismus als Ganzes.

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