Polizei macht Armensiedlung in Rio platt

Bildquelle: Google

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Quelle: taz  vom 14.04.2014

Jetzt lagern sie vor dem Rathaus. Rund 200 Menschen, unter ihnen viele Kinder, bewohnen seit Freitagnachmittag den Rasenplatz unweit des Zentrums von Rio de Janeiro. Sie schlafen auf Tüchern oder Plastikplanen und bitten um Spenden aus der Bevölkerung: Wasser, Lebensmittel, Kleidung.

Erst vor zwei Wochen hatten sie ein neues Zuhause gefunden, ein leer stehendes Fabrikgelände im Norden der Stadt, das dem Telefonunternehmen Oi gehört. Rund 5.000 Familien besetzten das Terrain und errichteten notdürftige Hütten. Die meisten kamen aus Favelas in der Umgebung, wo sie die auch in Armenvierteln rasant steigenden Mieten nicht mehr zahlen konnten. Die Spekulation sowie eine Aufwertung der Innenstadtgebiete im Zuge der umstrittenen Befriedungspolitik für die Fußball-WM und Olympischen Spiele hat die Lebenskosten in Rio in die Höhe getrieben. Doch die Stadtverwaltung wollte keine neue Favela entstehen lassen, schon gar nicht in der Nähe des Maracanã-Stadions. Holzhütten und Armut passen nicht zum Image des Fußballfestes im Boomland Brasilien. Gut 1.500 schwer bewaffnete Polizisten rückten am Freitagmorgen gegen die Besetzer vor. In wenigen Stunden waren sie obdachlos. Einige gingen freiwillig, andere wehrten sich. Mehre Busse, Autos und auch Gebäude gingen in Flammen auf, noch bis zum Abend kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und Polizisten.

Anmerkung Orlando Pascheit: 50 Jahre ist her, dass brasilianische Generäle den linken Präsidenten João Goulart stürzten. Guerillas, kämpferische Gewerkschaftsführer, Bauernaktivisten, revolutionäre Kader sowie die intellektuellen Träger einer sozialrevolutionären Veränderung, die in der mit Brasilien beginnenden Welle lateinamerikanischer Diktaturen liquidiert wurden, dürften in ihren Gräbern rotieren. Eine linke, wenn auch eher sozialdemokratische Arbeiterpartei, will Demonstranten, die gegen Korruption, Missstände im Bildungs- und Gesundheitssystem, die hohen Ausgaben für die WM, gegen Vertreibung- wenn auch manchmal wenig zimperlich – protestieren, als Terroristen brandmarken. – Und uns interessiert nur, ob Stadien und Flughäfen rechtzeitig zum Fußballfest fertig werden.

dazu: Quelle: Deutschlandfunk [MP3]

Zum 50. Jahrestag des Militärputsches in Brasilien

Am 31. März 1964 stürzten brasilianische Generäle den linken Präsidenten João Goulart mithilfe der USA. Dessen Reformpolitik war den Putschisten ein Dorn im Auge. Aber auch die Regierung Kennedy wollte mit allen Mitteln verhindern, dass nach der Kubanischen Revolution ein weiterer Systemwechsel in Lateinamerika stattfinden konnte. Die Allianz aus US-Interessen, Militärs und Unternehmern versuchte, die politischen Verhältnisse Brasiliens zu destabilisieren. Der Putsch wurde auch zum Probelauf für den Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende ein knappes Jahrzehnt später. Die bis heute anhaltende Macht der brasilianischen Militärs hat jahrzehntelang eine gründliche Aufarbeitung ihrer Verbrechen verhindert. Anhand von erst kürzlich aufgefundenen Dokumenten rekonstruiert der Autor den Verlauf der Ereignisse und beschreibt die Besonderheiten der rund 20 Jahre währenden Diktatur im Land der Fußball-WM 2014.

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