Zalando: Menschen werden verheizt und verschlissen

Arte 25.01.11 - 20.15 Uhr: Günter Wallraff UndercoverQuelle: junge Welt

In einem Logistikzentrum des Onlinehändlers Zalando recherchierte die Journalistin Caro Lobig undercover. Ein Gespräch mit Günter Wallraff

Sie sind Mentor der 21jährigen Journalistin Caro Lobig. Sie hat bei Zalando drei Monate lang undercover recherchiert, um die Arbeitsbedingungen dort zu dokumentieren. Nun wurde sie gefeuert, der Versandhändler hat sie verklagt. Freuen Sie sich auf den Prozeß?

Ja. Schon erstaunlich, daß Anteilseigner des Konzerns selbstherrlich meinen, sie könnten mit so einem Prozeß einschüchtern, Öffentlichkeit verhindern und Kritik unterbinden. Das Gegenteil ist der Fall. Sie können uns keinen größeren Gefallen tun und sind rechtlich schlecht beraten. Denn hier geht es nicht um den vermeintlichen Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen, wie es in ihrer Anzeige heißt, sondern um gravierendes Unrecht im Betrieb. Menschen, die hilf- und wehrlos sind, weil sie Angst vor Kündigung und Arbeitslosigkeit haben, werden drangsaliert.

»Schrei vor Glück« heißt der Werbeslogan des Unternehmens. Die Journalistin hat bei ihren Recherchen über die Arbeitsbedingungen anderes erfahren?

Caro Lobig hatte sich Ende vergangenen Jahres als Lagerarbeiterin in Zalandos Logistikzentrum in Erfurt beworben. Die Lagerfläche ist so groß wie 18 Fußballfelder. Mitarbeiter müssen dort in Schichtdiensten bis zu 30 Kilometer zurücklegen, um bestellte Waren fast wie im Akkord und unter ständiger Beobachtung zusammen zu »picken«. Viele der Kollegen dort sind am Rand der Erschöpfung. Häufig sind Rettungswagen im Einsatz: Kreislaufprobleme aufgrund von Streß, Angst und Schmerz. Menschen werden verheizt und verschlissen. Ein sektenähnliches Kontroll- und Überwachungssystem greift. Wer kritische Fragen stellt, muß mit Bespitzelung rechnen und wird, wenn er unbequem ist, mitunter fristlos entlassen – wie Caro Lobig. Das hat bereits den thüringischen Datenschutzbeauftragten auf den Plan gerufen. Mitarbeiter fühlen sich gemobbt, wenn bekannt wird, daß sie mit der Gewerkschaft in Verbindung stehen. Einen Betriebsrat gibt es nicht.

Wieso schätzen Sie die Anzeige gegen die Journalistin als kaum erfolgversprechend ein?

Absurd, daß die Konzernleitung dies in Rechtsunkenntnis riskiert: Das Bundesverfassungsgericht hat im Fall meiner Undercover-Recherche bei der Bild-Zeitung ein Grundsatzurteil gefällt. In der Redaktion, in die ich unter anderem Namen eingedrungen war, waren Fälschungen und Rufmord an der Tagesordnung. Anschließend wurde unter ähnlichen Vorwänden versucht, mein Buch »Der Aufmacher« verbieten zu lassen. Die obersten Richter haben dann in dem als »Lex Wallraff« bezeichneten Urteil festgelegt: Im Fall von gravierenden Mißständen hat die Öffentlichkeit das Recht, informiert zu werden: Auch wenn es um sogenannte erschlichene, unter Täuschung erworbene Informationen geht. Darauf können sich Journalisten berufen.

Hatte Caro Lobig vorgehabt, länger zu recherchieren, wäre sie nicht gefeuert worden?

Ja, sie hätte die Zähne zusammengebissen. Je länger man dabei ist, desto beweiskräftiger und glaubwürdiger wird die Geschichte. Sie hatte im Kollegenkreis Vertrauen gewonnen, hatte aber auch kritische Fragen gestellt, war so auffällig geworden und stand unter Beobachtung.

Nach der Automobil-, Transport- und Logistikbranche haben Sie jetzt Online-Versandunternehmen mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf dem Kieker. Bleiben Sie dran?

Die Nacharbeit ist oft ebenso wichtig wie die Enthüllung selbst. Wenn es gelingt, daß ein Laden so unter Druck gerät, weil er unter öffentlicher Kontrolle steht, und dann Grundlegendes ändert, wäre das ein Erfolg. Die Journalistin hat Gegenklage eingereicht. Begründung: »Mitarbeiter, die Mißstände öffentlich machen, können nicht mit fristloser Kündigung bestraft werden«. Grundsätzlich sollte sich jeder überlegen, ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, Klamotten in so einem menschenverachtenden Unternehmen zu ordern.

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