Die tödlichen Folgen des türkischen Bergbaubooms

Quelle: Tages-Anzeiger

Das schwere Grubenunglück in Soma offenbart die prekäre Sicherheit in den Bergwerken in der Türkei. Unter Beschuss gerät nun die Regierungspartei von Premier Erdogan, die alle Warnungen ignorierte.

Regierungskritische Medien weisen darauf hin, dass die AKP erst vor zwei Wochen im türkischen Parlament einen Vorstoss abblockte, der eine Überprüfung der Sicherheit in der Grube von Soma verlangte hatte. Die Oppositionspartei CHP wollte, dass das Parlament eine Reihe kleinerer Unfälle in Minen rund um Soma untersucht. Kritiker werfen der Regierung schon seit längerer Zeit vor, bei der Privatisierung vieler staatlicher Bergbaufirmen in den letzten Jahren die Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt zu haben. «Es gibt hier keine Sicherheit», sagt gemäss Medienberichten Oktay Berrin, ein Kohlekumpel aus Soma. «Die Gewerkschaften sind nur Marionetten, und die Geschäftsleitung denkt nur ans Geld.» In Gruben wie in der von Soma seien ganze Ketten von Subunternehmern am Werk, die nicht vernünftig kontrolliert würden.

Anmerkung Orlando Pascheit: Solche Folgen – vielleicht nicht in dieser Dramatik – von Privatisierungen sind nicht nur in Entwicklungsländern zu beobachten. Es sei nur an die schweren Unfälle in Gefolge der Bahnprivatisierung in Großbritannien erinnert. Diese Mine war 2005 an die privaten Soma Holding mit der Auflage weitergereicht worden, jährlich 6 Millionen Tonnen an den türkischen Staat abzuliefern. Fast wie zu erwarten, wurde nicht mehr in die Instandhaltung investiert. Und natürlich geht es nicht nur um Soma. Gerade einmal in 4 von 400 türkischen Minen, existieren überhaupt Schutzräume, in die sich die Kumpels bei einer Katastrophe flüchten können. In Soma gab es einen einzigen Schutzraum für knapp 800 Bergleute, die gerade unter Tage waren. Er sollte mit Sauerstoff, Wasser und Nahrung für mindestens 2 Wochen ausgerüstet sein und 40 Bergleuten Schutz gewähren. In den von Soma passten mit Mühe und Not 14 Bergleute, die nach 12 Stunden qualvoll erstickten. Die türkische Minenindustrie wird von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO als eine der drei gefährlichsten weltweit eingeschätzt wird. – Ich bin schon gespannt, wie viel Leute Erdoğan in Köln nach diesem Jahr noch applaudieren werden.

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