Rausschmiss nach 88 Zeitverträgen

Quelle: Deutschlandradio [Audio – mp3]

Bekleidungsfertigerin – aber ihren Postjob hat sie geliebt – der Menschen wegen. Und offensichtlich hat sie ihren Job gut gemacht – denn 88 mal hintereinander, 88 Mal, hat sie von der Post eine befristeten Arbeitsvertrag bekommen. “Die Verträge liefen immer so ca. zwei Wochen, vier Wochen, drei Monate, halbes Jahr, mit großem Glück auch mal ein Jahr – das ist aber selten.” Die soziale Lage ist klar: unverantwortlich. Die rechtliche Lage ist – zumindest interpretierbar. Ein Leben in Unsicherheit, in einer Region, in der es nicht viele Alternativen gibt – und wo der Arbeitgeber mit dem Kalkül, dass sich Frauen wie Anja Helffenstein lieber selbst ausbeuten als Forderungen zu stellen, gute Umsätze macht. “Planen kann man nicht viel – Urlaub planen – das geht gar nicht – ich kann ja auch nicht planen, habe ich nächsten Monat noch einen Arbeitsvertrag oder nicht – weiß ich ja nicht – dann kann ich nicht in Urlaub fahren, wenn ich dann keine Arbeit mehr habe. Und dann sind ja andere Sachen wichtiger. Auto kaufen geht nicht. Ne Wohnung anmieten – ohne Festvertrag – ist schwierig – Kredite bei der Bank, ohne Festvertrag – gar nicht möglich.” 17 Jahre ging das so, Schikanen inbegriffen. Die kleine Frau hat in der Zeit zwei Kinder alleine großgezogen. “Dann bekommt man im Sommer zwei Monate mal keinen Vertrag – Schon hängt das dran – man bekommt kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld, man ist ja kein ganzes Jahr beschäftigt.” Sieht nach Strategie aus – ist aber nicht zu beweisen.

Anmerkung Orlando Pascheit: Das steht also am Ende der vor 25 Jahren eingeleiteten Privatisierung des deutschen Postwesens. Auf der untersten Ebene des weltweit größten Logistik- und Postunternehmens herrscht frühkapitalistische Ausbeutung. Ja, die Post macht Gewinne, aber auf Kosten des Services gegenüber uns Normalbürgern, auf Kosten der Beschäftigten (Stellenstreichung und prekäre Anstellungsverhältnisse; siehe dazu generell: „Unternehmerische Verantwortungslosigkeit. Weltweite Arbeitspraktiken von Deutsche Post DHL aufgedeckt” [PDF – 7.2 MB]) und nicht zuletzt auf Kosten des Steuerzahlers. Rechnet man die Übernahme der Pensionslasten der alten Deutschen Post durch die Steuerzahler heraus, so wird dieses weltweit größte Logistik- und Postunternehmen trotz milliardenschwerer Gewinne mit derzeit rund 8 Mrd. Euro pro Jahr subventioniert (Siehe dazu: “Der große Postraub. Die Privatisierung der Bundespost und ihre Folgen” [PDF – 163 KB]) Dass auch der Staat mit Gewinn arbeiten kann, zeigt Italiens Staatspost, die ihr Angebot um Bank- und Versicherungsgeschäfte erweitert hat. Leider ist der neue Heilsbringer Matteo Renzi ist das Projekt Privatisierung von Enrico Letta voll eingestiegen. Die Teilprivatisierung der Posta Italiana und des Energieversorgers Eni im Herbst soll bis zu neun Mrd. Euro in die Staatskasse spülen. Irgendwann wird dann das ganze Tafelsilber wegen dieser kurzfristigen Einnahmemöglichkeiten verscherbelt sein.
Man darf gespannt sein, was sich die Post AG und andere private Dienstleister zum Mindestlohn einfallen lassen werden. Was sie heute bieten und gewiss fortfahren wollen, ist im wahrsten Sinn des Wortes ausbeuterisch. Siehe, was sich die Post sonst noch so erlaubt: Lohndumping mit Werkverträgen [Audio – mp3]

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