Folgen der Ebola-Epidemie: Das Virus steckt die Volkswirtschaften an

Quelle: NZZ

Die Ebola-Epidemie in Westafrika fordert einen fürchterlichen Tribut. Ende September überschritt die Zahl der Toten laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den drei hauptsächlich betroffenen Ländern die Schwelle von 3000. Obwohl die Seuche Anfang Jahr in Guinea begonnen hatte, werden dessen Nachbarländer Liberia und Sierra Leone mittlerweile stärker in Mitleidenschaft gezogen, weil das Virus dort von den ländlichen Seuchenherden auf urbane Zentren übergegriffen hat.

Das amerikanische Gesundheitsministerium warnte Mitte September vor einem Worst-Case-Szenario, gemäss dem die Zahl der Erkrankungen in Liberia und Sierra Leone bis Ende Jahr auf mehrere hunderttausend steigen könnte. Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen sind in den beiden genannten Ländern, die zu den einkommensschwächsten in Afrika zählen, am schlimmsten. In Sierra Leone verschärften die Behörden im September die Quarantäne-Massnahmen, von denen nun alle 14 Distrikte des Landes betroffen sind. Von 5,7 Mio. Sierra-Leonern sitzen mittlerweile mehr als 1 Mio. in ihren Dörfern und Quartieren fest. In der Folge brachen die lokale Landwirtschaft und der Handel zusammen. Bauern pflanzten ihre Felder vor Beginn der Regenzeit im August oft gar nicht mehr an. Zehntausende von ihnen flohen in die Städte; seit der militärischen Absperrung der Seuchenherde könnten sie – selbst wenn sie wollten – ihre Felder nicht mehr bestellen. Andernorts sind hohe Ernte- und Nachernteverluste zu erwarten. Bauern sind es gewohnt, für die Arbeiten Gruppen von jugendlichen Taglöhnern anzuheuern, aber Versammlungsverbote verunmöglichen dies nun. Die Landwirtschaft ist in Liberia (40% des Bruttoinlandprodukts; BIP) und Sierra Leone (Anteil 57%) der wichtigste Erwerbszweig. Die traditionelle Arbeitsweise auf den Feldern und im ländlichen Zwischenhandel ist, wie überall in Westafrika, arbeitsintensiv organisiert.

Normalerweise ist also eine Vielzahl von Akteuren an den Austauschbeziehungen beteiligt; wird die Bewegungsfreiheit unterbunden, kommen diese zum Erliegen. Aber ausgerechnet die am schlimmsten betroffenen Landstriche im Südosten Sierra Leones und Nordosten Liberias gelten als «Getreidespeicher» der beiden Länder. Seitdem die Epidemie auf Städte übergegriffen hat, gehen auch die Einkommen von Dienstleistern, vor allem im informellen Sektor, dramatisch zurück. – Die Furcht vor Ansteckung führt zum Rückzug von einfachen Beschäftigten und Führungskräften von ihren wirtschaftlichen Tätigkeiten, auch, wenn dies nicht angebracht wäre. Laut einem kürzlich erschienenen Bericht der Weltbank über die Folgen der Ebola-Krise waren entsprechende Reaktionen schon zwischen 2002 und 2004 für 80% bis 90% der wirtschaftlichen Verluste der Lungenkrankheit Sars und des Schweinegrippe-Virus H1N1 vor fünf Jahren verantwortlich.

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