Die verlorene Solidarität

Quelle: Zeit Online

Wie seltsam: Sympathie für die Lokführer gibt es kaum. Wer fragt, warum sich die deutsche Streikkultur so verändert hat, landet am Ende gar bei Lehrplänen in Schulen. (…)

Was sich in die öffentliche Meinung einbrennen soll, ist, dass es GDL-Chef Claus Weselsky vor allem ums – zweifellos ausgeprägte – Ego geht. Inhalte aber gehen dabei verloren. Seit Monaten will etwa die Bahn nicht über das Wochenende verhandeln und wie viel Freizeit den Lokführern am Stück zugestanden wird. Auch die Lohnerhöhung von 80 bis 100 Euro soll kein Thema sein: Zuerst sollen die Gewerkschaften sich gefälligst untereinander einigen. Was im Klartext aber bedeuten würde, dass die GDL darauf verzichtet, der Bahn gegenüber weitere Berufsgruppen zu vertreten.
In früheren Zeiten hätten es die Menschen wie der Bäcker oder Strobl wohl schwerer gehabt im Kampf um die Deutungshoheit. Damals waren Arbeiter, Angestellte und Lehrlinge über alle Branchen hinweg gut organisiert. Die Forderungen waren vergleichsweise überschaubar.
Gewerkschaften waren nicht im Abwehr-, sondern im Verteilungskampf: von der Aufstockung des Krankengeldes, die Ende der Fünfziger in – heute unglaublichen – 16 Wochen erstreikt wurde, bis zur Lohnerhöhung von 11,4 Prozent, für die im Jahr 1974 rund 200.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst die Arbeit niederlegten. Es gab die Fünf-Tage-Woche (“Samstags gehört Vati mir”) und den berühmten Lohnrahmentarif II der Metaller. Der sichert Mitarbeitern bei Daimler, Porsche, Bosch und anderen Firmen im Südwesten bis heute besondere Vergünstigungen zu. Der Tarif schadet den Unternehmen offenbar im weltweiten Wettbewerb nicht. (…)
Prominente Betriebsratsvorsitzende wie Uwe Hück von Porsche philosophieren auch deshalb unwidersprochen über den hohen Stellenwert einheitlicher Verträge in einem Betrieb – und verschweigen, dass selbst sein Arbeitgeber von der Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Produktion profitiert.
Und wie bezeichnend war es, als Kanzlerin Angela Merkel im TV-Wahlkampf 2013 kalt erwischt wurde, als ein Leipziger Leiharbeiter ihr und einem TV-Millionenpublikum erzählte, dass er seit zehn Jahren in derselben Firma keine Festanstellung und keine zum einfachen Leben ausreichende Bezahlung erhält.

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