Der Sturm im „Blätterwald“ ist über Griechenland hereingebrochen

Alexis_syrizaWie gestern in Aussicht gestellt, fallen die deutschen Medien jetzt über die neue Regierung und Koalition in Griechenland her. Wir dokumentieren in der Anlage 1 nacheinander eine Auswahl der Medienprodukte. (Und dann auch noch Lesermails in Anlage 2.) Bei Durchsicht der Medienprodukte fällt auf, wie aggressiv deutsche Medien mit einer gerade gewählten Regierung umgehen. Es sind dabei auch solche Autoren beteiligt, die im Frühjahr 2014 von „Die Anstalt“ und von den NachDenkSeiten (hier und hier) auf der Basis der Forschungen des Medienwissenschaftlers Uwe Krüger als nahe an atlantischen Interessen, an USA und NATO, identifiziert worden sind. (Siehe die ersten beiden Beiträge unserer Dokumentation von den Autoren Kornelius und Bittner). Die unsachliche Aggressivität vieler Medien und Autoren hat Hintergründe und entspricht einem nachvollziehbaren Kalkül der Meinungsführer. Unter ihnen sind ausgewiesene Profis der Agitation. Von Albrecht Müller

Sie wissen: wenn sie denn Pflock weit vorne einschlagen, übersetzt: wenn sie massive Vorwürfe gegenüber der neuen Regierung in Griechenland erheben, dann schaffen sie Raum für andere Kolleginnen und Kollegen, sich auf einer mittleren Position der Kritik an der Regierungsbildung und den ersten Entscheidungen in Athen zu positionieren. Diese berichten und kommentieren dann nach dem Motto: die Kollegen übertreiben zwar, aber es wird ja wohl was dran sein.

So funktioniert Meinungsbildung und das wissen die Profis.

Zwei Anmerkungen noch zu den Hintergründen der harten Kritik:

Erstens: Die bisherige Politik in Griechenland, die nachvollzogen hat, was von Brüssel und Berlin aus vorgegeben worden war, ist rundum erfolglos gewesen: die Schulden Griechenlands sind weiter massiv gestiegen, die Verelendung des Volkes ist vorangeschritten, die Bekämpfung von Korruption und Steuervermeidung wurde nicht oder jedenfalls nicht richtig betrieben. – Die neue Regierung könnte diese katastrophale Bilanz offen legen und sichtbar machen, dass man auf andere Weise erfolgreicher sein wird. Da die deutschen Medien jedoch mehrheitlich die bisherige Politik gedeckt haben, haben sie Angst vor dem Offenbarungseid und müssen deshalb all jene, die die Katastrophe und Erfolglosigkeit offen legen, bis aufs Messer bekämpfen. Und sie dürfen auf keinen Fall zulassen, dass bewiesen wird: es gibt eine Alternative zur herrschenden Lehre.
Damit wäre nämlich die Gefahr heraufbeschworen, dass auch andere Völker wie etwa die Spanier und Italiener und die Portugiesen sich eines Besseren besinnen, als ihnen heute an neoliberal geprägten Rezepten aufgedrückt ist.

Zweitens: Die neue Regierung hat es gewagt, am Sinn der Sanktionen und der Aggressivität gegenüber den Russen zu zweifeln und signalisiert, dass sie gute Beziehungen zu Russland haben will. Damit könnte die seit einem Jahr massiv aufgebaute und lange vorher vorbereitete neue Konfrontation in Europa infrage gestellt werden. Und es würde zugleich infrage gestellt, dass wir die Guten und die Russen die Bösen sind. Denn wenn einer von uns mit denen dort kooperiert, dann kann dort ja nicht nur das Böse sein. Die neue Regierung in Griechenland könnte die moralische Aufrüstung des Westens, die eine zutiefst a-moralische ist, wie eine Seifenblase platzen lassen. Die Glorifizierung der Europäischen Union und des Westens würde von Griechenland zur Disposition gestellt.

Eine Anregung für die Demokraten und Unabhängigen unter den Medienschaffenden in Deutschland:

Auch wenn wir auf den NachDenkSeiten kritisieren, dass sich Journalisten an Kampagnen interessengesteuerter Meinungsbildung beteiligen – bestes Beispiel die Kampagne für die private Altersvorsorge und die Riester-Rente –, haben wir nie infrage gestellt, dass es viele aufklärende und qualitativ ausgezeichnete Produkte von Journalisten gibt. Täglich weisen wir auf solche in unserer Rubrik „Hinweise des Tages“ hin.
Wir können aber nichts dafür, dass der Ruf der Medien und der Journalisten insgesamt unter jenen leidet, die für private Interessen und de facto für Organisationen wie die NATO oder andere Regierungen tätig sind, für sie Meinung machen und jetzt wieder eine massive Kampagne gegen ein anderes Volk und die von ihm gewählte Regierung fahren.

Worauf es ankäme, und das wäre unsere, meine Anregung: Gehen Sie doch gelegentlich auf Distanz zu jenen Kolleginnen und Kollegen, die man unabhängig und objektiv nicht nennen kann. Bunkermentalität innerhalb des Kreises der Journalistinnen und Journalisten ist sachlich nicht angebracht, auch wenn es emotional verständlich ist.

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s