Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier.“

fernseherVerantwortlich:

Wie schwindet das Verantwortlichsein im süßen Brei des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks? Ein Essay von Marianne Bäumler[*]

Man stelle sich vor: ein dicklicher Jugendlicher hängt schlaff auf der Couch vor der Mattscheibe, linke Hand Fernbedienung, rechte Hand vergräbt sich knisternd in der Chipstüte, XXL, schaufelt raus und in den weit geöffneten Mund, rein damit, und weiter so, die Handvoll Chips, sie trifft den Mund, es knirscht vertraut, wenige Kaubewegungen, runter damit, die Hand greift zur Bierdose, spült nach. Sein Blick starrt erwartungslos auf den Bildschirm. Darauf ein wunderschön schlank strahlender Generationsgenosse, und dieser smarte „Vorbildverbraucher“ knabbert vergnügt ein paar Chips aus der gleichen bunten Tüte wie unser adipöser Endverbraucher.

Na klar, und dann kuckt der jede Menge Sport, teuerste Übertragungen aus aller Herren Länder, schließlich soll Bewegung ja sooo gesund sein. Mission accomplished.

Horrorszene? Kann angesichts jedes Werbespots so geschehen, egal ob Kommerz oder Öffentlich-Rechtlich. Hauptsache, „Ich glotz TV“, und die meisten Zuschauer kucken ähnlich dumpf auch beim für sie veranstalteten Programm gelangweilt und zappend in die Röhre, tagtäglich. Beim Spekulieren auf Einschaltquoten, aufs Millionenpublikum gleichen sich zunehmend die Angebote an die eher niederen Instinkte. Die Krimis werden immer brutaler, die Opfer am liebsten junge Mädchen, die süffisanten Kamera-Runden um kalte Pathologietische häufen sich, die Drehbücher dabei insgesamt deutlich einfältiger. Bodenlose Gewaltszenen, unentwegt wird da gestorben und gekillt, eine zunehmend verrohte virtuelle Parallelgesellschaft, wie auf den globalen Kriegsschauplätzen im restrealen Infotainment-Bereich; kaum unterscheidbar, wenn z.B. die an sich wertvollen Berichte im „Weltspiegel“ über den Krieg in Syrien nunmehr mit dramatisch aufgeladener Musik untermalt werden.

Völlig überflüssig auch die Offerten, jetzt mitten im fiktionalen Film noch mit Autoren zu twittern. Gute Autoren dürften sich bedanken. Nein, für solches high tech-Überfluten ist die menschliche Anatomie nicht ausgelegt! All diese so genannten interaktiven Erweiterungen verhindern doch, sich auf Kontexte zu konzentrieren und sie zu begreifen! Als dürfe bloß nichts ausgelassen werden, was technisch möglich ist. Wie panisch ist das denn!

Die ModeratorInnen gerade auch im Öffentlich Rechtlichen säuseln in kindisch neckischem Ton zu uns ZuschauerInnen herab, als seien wir alle ein bisschen debil. Besonders in den Lokalberichterstattungen wird inzwischen ein dauerlächelnder Ton angeschlagen, der auf Infantilisierung drängt. Wo sind wir bloß gelandet? Und was hat das mit dem ureigenen Auftrag des öffentlich rechtlichen Rundfunks – nämlich im Sinn von demokratischer Teilhabe am gesellschaftlich sinnvollen Miteinander für gründliche Information und folgenreiche Aufklärung Sorge zu tragen – noch zu tun?

Verantwortung. Eine altmodische Idee? Dass vom Kommerz-TV und knallbuntem Reklamerahmenradio kaum ein zur Kritik befähigendes Programm erwartbar ist – geschenkt! Nein, vielmehr an jeder Supermarktkasse teuer von uns Kunden bezahlt!

Jedoch: die Pflichtbeiträge für ARD und ZDF, sie bleiben und wenn sie hoffentlich bleiben – und dafür spricht immerhin vieles – können wir dafür in der Tat eine andere Qualität erwarten, und zwar für alle BürgerInnen. 7,5 Mrd. € für alle öffentlichen Sender pro Jahr, das ist doch ein hübsches Sümmchen. Nein, mit Zahlen, mit Quoten möchte ich uns jetzt nicht aufhalten. Auch das private Kommerz-Fernsehen und die lärmigen „Antenne Bayern“ et al., keine Rede heute davon. Und über Geld, das zwangseingetrieben und verpulvert wird, darüber später. Wohl aber mit einer uncharmanten These möchte ich die nachdenkenden LeserInnen behelligen: Die elend geringe Wahlbeteiligung in unserem Land ist unbedingt auch ein Resultat eines immer geschmeidigeren Zerstreuungsprogramms, das die Öffentlich Rechtlichen Anstalten uns zu servieren belieben! Ca. 50 % nur noch kriegen den Arsch hoch, um von ihrem verbrieften Wahlrecht Gebrauch zu machen. Hat der indifferente Rest schon aufgegeben? Wer hat versäumt, die zivilen BürgerInnen – eine zahlende Kundschaft – dergestalt zu informieren, dass sie als Individuen gemeint sind, wenn von Demokratie nicht nur die abstrakte Rede sein soll?

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