Weimar an der Ägäis

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Will man über die Maßnahmen sprechen, die in einer geschwächten Weltwirtschaft gebraucht werden, kontert bestimmt jemand mit dem Gespenst des Deutschlands der Weimarer Zeit, das angeblich ein Paradebeispiel für die Gefahr von Haushaltsdefiziten und expansiver Geldpolitik ist. Doch die Geschichte Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg wird fast immer in merkwürdig selektiver Weise präsentiert. Dauernd ist von der Hyperinflation von 1923 die Rede, als die Menschen mit Schubkarren voller Geld herumzogen, aber man hört nichts von der viel bedeutsameren Deflation der frühen 1930er Jahre, als die Regierung des Kanzlers Brüning – die die falschen Lektionen gelernt hatte – Deutschlands Bindung an das Gold mit Geldverknappung und scharfer Austerität zu verteidigen suchte. Von Paul Krugman, aus dem Englischen übersetzt von Sabine Tober.

Dieser Artikel erschien am 16. Februar in der New York Times.

Und was ist mit den Ereignissen vor dem Ausbruch der Hyperinflation, als die siegreichen Alliierten Deutschland zur Zahlung riesiger Reparationszahlungen zwingen wollten? Auch das ist eine Geschichte, die heute von starker Relevanz ist, weil sie in direktem Bezug zu der gerade schwelenden Griechenland-Krise steht.

Mehr denn je kommt es jetzt darauf an, dass Europas Politiker sich an die richtige Geschichte erinnern. Tun sie das nicht, wird das europäische Projekt von Frieden und Demokratie durch Wohlstand nicht überleben.

Und nun zu diesen Reparationen: Im Grunde genommen war es so, dass Großbritannien und Frankreich, statt die neu gegründete deutsche Demokratie als potentiellen Partner zu betrachten, in ihr nur den besiegten Feind sahen, und darauf bestanden, sie müsse auch ihre Kriegsverluste wiedergutmachen. Das war sehr unklug – und die Forderungen an Deutschland konnten aus zweierlei Gründen nicht erfüllt werden. Erstens war Deutschlands Wirtschaft durch den Krieg schon verwüstet worden. Und zweitens würde die tatsächliche Belastung für diese geschrumpfte Wirtschaft viel höher sein als die direkten Zahlungen an die rachsüchtigen Alliierten – wie John Maynard Keynes in seinem zornigen und kraftvollen Buch “Krieg und Frieden: Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles” verdeutlicht.

Schließlich, und das war unausweichlich, lagen die tatsächlich von Deutschland gezahlten Geldsummen weit unter den alliierten Forderungen. Doch der Versuch, von einem zerstörten Land Tribut zu fordern – unglaublicherweise fiel Frankreich im Bemühen, Zahlungen zu erzwingen, sogar im Ruhrgebiet ein und besetzte diese Hochburg der deutschen Industrie – dieser Versuch lähmte die deutsche Demokratie und vergiftete die Beziehungen zu seinen Nachbarn.

Womit wir zu der Konfrontation zwischen Griechenland und seinen Gläubigern kommen.

Man kann sagen, dass Griechenland seine Probleme selbst verschuldet hat, obwohl es jede Menge Hilfe durch verantwortungslose Kreditgeber bekam. Jetzt aber ist die schlichte Wahrheit, dass Griechenland seine Schulden nicht voll bezahlen kann. Die Austerität hat seine Wirtschaft genauso gründlich verwüstet wie die militärische Niederlage seinerzeit Deutschland – das reale griechische BIP pro Kopf fiel von 2007 bis 2013 um 26 Prozent, verglichen mit 29 Prozent im Deutschland von 1913 bis 1919.

Trotz dieser Katastrophe leistet Griechenland Zahlungen an seine Gläubiger und hält dafür einen Primärüberschuss – den Überschuss von Einkünften über Ausgaben ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen – von ungefähr 1,5 Prozent seines BIP. Und die neue griechische Regierung ist bereit, diesen Primärüberschuss beizubehalten. Was Griechenland nicht will, ist diesen Überschuss verdreifachen und auf Jahre hinaus weiterhin riesige Überschüsse halten.

Was geschehen würde, wenn Griechenland diese enormen Primärüberschüsse aufzubringen versuchte? Es würde die Staatsausgaben weiter drastisch kürzen müssen – doch damit wäre es nicht getan. Ausgabenkürzungen haben Griechenland schon in eine tiefe Rezession gestürzt, und weitere Einschnitte würden diese Rezession noch weiter verschärfen. Sinkende Einkommen bedeuten aber auch sinkende Steuereinnahmen, sodass das Haushaltsdefizit um weit weniger als die ursprüngliche Ausgabensenkung schrumpfen würde – wahrscheinlich um weniger als die Hälfte davon. Um seine Verpflichtungen zu erfüllen, müsste Griechenland dann eine weitere Runde von Ausgabenkürzungen vornehmen und dann noch eine.

Zudem würde eine schrumpfende Wirtschaft auch zu sinkenden Ausgaben der Privathaushalte führen – eine weitere indirekte Folge der Austerität.

Das alles zusammengenommen und der Versuch, die von den Gläubigern verlangten zusätzlichen 3 Prozent des BIP aufzubringen, würde Griechenland nicht 3 Prozent sondern eher 8 Prozent seines BIP kosten. Und, nicht zu vergessen, dies käme nun zusätzlich zu einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen, die es je gab.

Wie wäre es, wenn Griechenland sich einfach weigerte, zu zahlen? Also, europäische Staaten des 21. Jahrhunderts setzen ihre Armeen nicht als Schuldeneintreiber ein. Aber es gibt ja andere Zwangsmittel. Heute wissen wir, dass die Europäische Zentralbank 2010 tatsächlich damit gedroht hat, das irische Bankensystem zusammenbrechen zu lassen, sollte Irland einem Programm des Internationalen Währungsfonds nicht zustimmen.

Eine ganz ähnliche Gefahr schwebt implizit über Griechenland, obwohl ich ja die Hoffnung habe, dass die Zentralbank, die dieser Tage unter einer anderen und aufgeschlosseneren Führung steht, da nicht mitmachen würde.

Jedenfalls sollten die europäischen Gläubiger erkennen, dass Flexibilität – Griechenland eine Chance geben, sich zu erholen – in ihrem eigenen Interesse liegt. Die neue linke Regierung mag ihnen nicht gefallen, aber sie ist eine rechtsmäßig gewählte Regierung, deren Führung nach allem, was ich gehört habe, den demokratischen Idealen ernsthaft verpflichtet ist. Europa könnte bedeutend schlimmer dran sein – und wenn die Gläubiger rachsüchtig sind, wird es das auch sein.


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