Arbeiter zahlen die Zeche – Volkswagen will »sparen«

Quelle: junge welt

Seit Bekanntwerden der Manipulationen bei Abgasdaten in VW-Dieselfahrzeugen jagt in Wolfsburg eine Krisensitzung die nächste. Gestern tagte der Aufsichtsrat am Sitz des einstigen Vorzeigekonzerns. Am Vortag hatte der neue Vorstandsvorsitzende Matthias Müller am gleichen Ort rund 20.000 Beschäftigte bei einer Betriebsversammlung auf drastische »Sparrunden« eingeschworen und damit klargemacht: Die Belegschaften sollen für die Verfehlungen der Spitzenmanager bezahlen. Und: Die Rationalisierung wird verschärft. Dabei ist der ohnehin bestehende Renditedruck selbst eine Ursache des Skandals.

Den saubersten Vierzylinder-Dieselmotor der Welt wollte VW vor rund zehn Jahren bauen. Das war nicht die einzige Vorgabe des Managements. Er sollte auch noch billig sein, um den japanischen Konkurrenten Toyota mit dessen Hybridtechnik auszustechen. Die Quadratur des Kreises misslang. Doch »Geht nicht«, gibt es nicht in Zeiten des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus, der stets schnellere und höhere Renditen verlangt. Da fiel den Verantwortlichen nichts anderes ein, als die Software so zu manipulieren, dass die Abgasnormen scheinbar eingehalten wurden. Es braucht schon viel Naivität, gepaart mit Arroganz, zu glauben, diese in Millionen Fahrzeugen verbaute Technik könne auf Dauer unentdeckt bleiben.

Bezahlen sollen dafür jetzt die Malocher in den Fabriken und die Angestellten in den Büros. Das bereits aufgelegte Kürzungsprogramm von zehn Milliarden Euro soll nochmals verschärft werden. Alle Investitionen werden auf den Prüfstand gestellt. »Was jetzt nicht zwingend nötig ist, wird gestrichen oder verschoben«, kündigte Müller an. Das heißt: Der neue Boss bremst und tritt zugleich aufs Gas. Das Rationalisierungstempo wird an allen Stellen erhöht. Weitere »Fehler« à la »Dieselgate« sind vor diesem Hintergrund nur eine Frage der Zeit.

Ausgerechnet die Protagonisten des Turbokapitalismus wittern nun Morgenluft. So verlangt ein Kommentator in der Süddeutschen Zeitung, der VW-Konzern müsse von Grund auf erneuert werden, »in seiner gesamten Führungskultur«. Gemeint sind nicht abgehobene, allein an Renditevorgaben ausgerichtete Managementmethoden. Nein, der Autor hat den Einfluss der IG Metall, des Betriebsrats und des Landes Niedersachsen im Visier. Niemand könne bei VW »gegen den Betriebsrat agieren, der wie eine Art Schattenvorstand wirkt; es kann auch niemand gegen das Land Niedersachsen agieren, das ebenfalls sehr darauf bedacht ist, dass die Zahl der Stellen so hoch wie möglich ist«. Als hätten Gewerkschafter und nicht profitgeile Manager das Desaster verursacht.

Und was macht die IG Metall? Sie verteilt T-Shirts mit der Aufschrift »Ein Team. Eine Familie«. Gemeinsam durch die Krise – so lautet auch dieses Mal die Parole. Obwohl vor allem die Beschäftigten die Zeche zahlen sollen, nicht die Manager und Eigentümer. Es sieht nicht so aus, als wollten die Gewerkschafts- und Betriebsratsspitzen das unbedingt verhindern.

 

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