»Abwertendes Menschenbild«

Job - Hartz IVQuelle: junge Welt

Seit Inkrafttreten der Agenda 2010 stehen Erwerbslose unter Dauerbeschuß. Politiker und Medien stellten sie immer wieder als »dreiste Kostgänger in der sozialen Hängematte« dar. Bereits 2001 setzte Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) mit seiner Parole »Es gibt kein Recht auf Faulheit« den Ton in der Debatte. Fünf Jahre darauf forderte sein Parteigenosse Franz Müntefering, daß nicht essen solle, wer nicht arbeite. Exaußenminister Guido Westerwelle (FDP) bezeichnete Hartz-IV-Bezieher 2010 als »spätrömisch dekadent«. Bild titelte immer wieder mit Schlagworten wie »Schnorrer«, »Jobverweigerer« oder »Betrüger«, die den Sozialstaat plünderten.

Daß sich die Hetze in vielen Köpfen festgesetzt hat, zeigte Ende 2012 eine Umfrage der Bundesagentur für Arbeit: Mehr als die Hälfte hielt Erwerbslose für »träge und faul«. Studien belegten indes stets das Gegenteil. Auch Psychologen der Ruhr-Universität Bochum haben jetzt mit dem Jobcenter Kaufbeuren vergeblich nach faulen Hartz-IV-Beziehern gefahndet, wie der Informationsdienst Wissenschaft (IDW) in dieser Woche mitteilte.

Für die psychologische Analyse befragte ein Projektteam um die Psychologen Philip Frieg und Rebekka Schulz sowie Alexander Weisel vom Jobcenter Kaufbeuren 133 Arbeitssuchende und 274 Sachbearbeiter der Behörde in der bayrischen Kleinstadt. Was es dabei zutage förderte, läßt sich knapp zusammenfassen: Erwerbslose sind nicht fauler als Berufstätige. Ihre soziale Anpassung weiche »nicht bedeutsam« von jener ihrer lohnabhängigen Mitbürger ab. Arbeitssuchende seien, so die Experten, »nicht generell faul, antriebsarm und unsozial«.

Nur einen Unterschied registrierten die Psychologen dann doch: Die befragten Erwerbslosen seien deutlich weniger wettbewerbsorientiert als ihre werktätige Vergleichsgruppe. Sie legten es nicht so massiv darauf an, führende Positionen zu übernehmen und anderen Menschen Anweisungen zu geben, konstatierte das Team. Auch arbeiteten die Leistungsbezieher häufiger lieber allein statt in einem Team.

»Diese Befunde sollte man dazu nutzen, die Gründe für Erwerbslosigkeit zu eruieren und über neue Ansätze bei der Beratung nachzudenken«, schlagen die Studienbetreiber vor. Zugleich rügen sie, daß Betroffene seit Jahren öffentlich zu Sündenböcken abgestempelt würden. »Das erzeugte Bild vom unwilligen Arbeitslosen wird untermauert durch wertende Berichte über einzelne Hartz-IV-Bezieher, die sich bewußt gegen Erwerbsarbeit entscheiden«, konstatieren sie. Diese Verallgemeinerung führe zu »mit Vorurteilen behafteten Stereotypen«, vor allem, wenn zugleich die These der »Leistungsgerechtigkeit« propagiert werde. »Dieser sogenannte ›Gerechte-Welt-Glaube‹ kann als fundamentalistische Täuschung bezeichnet werden«, befinden die Psychologen. Das erzeuge ein abwertendes Menschenbild nach dem Muster »Jeder kriegt, was er verdient«, und jeder sei »selbst schuld« an seiner Situation. »Die Realität ist freilich viel komplexer«, mahnen sie.

Allerdings dürfte auch diese Analyse im Land der Studien nicht zum Umdenken führen. Erst vorige Woche veröffentlichte der Hildesheimer Sozialpädagoge Dirk Kratz seine Untersuchungen zu »Hilfen«, die Jobcenter Langzeiterwerbslosen anbieten. Anstatt zu unterstützen, gängelten Behörden die Betroffenen teils wie kleine Schulkinder, monierte er. Durch standardisierte »Erziehungsmaßnahmen« wie Sanktionen wolle man die Menschen zu arbeitsmarktkonformem Verhalten zwingen. Dies hinterlasse gravierende Schäden und führe meist zum Verlust des Selbstwertgefühls, so Kratz. Etwas daran ändern will die große Koalition aber nicht. Im Gegenteil: Derzeit berät sie zwar über »Rechtsvereinfachungen« im Dschungel der Sozialgesetze. Die Vorschläge, die im Herbst umgesetzt werden könnten, verschärften jedoch nach Ansicht des Sozialrechtlers Harald Thomé eher die Lage der Betroffenen.

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